annäherung an den krieg um syrien, part 1

Dass „das erste Opfer des Krieges die Wahrheit ist“, gilt inzwischen als allgemein anerkannte Weisheit. Dennoch ist im syrischen Konflikt mal wieder wunderbar zu beobachten, wie mit massenkompatibler Propaganda erfolgreich Stimmungen erzeugt werden. Ebenso wird deutlich, dass die westlichen Medien dieser Propaganda widersprechende Informationen eben nicht verschweigen, sondern dass diese Meldungen bei der Zielgruppe einfach nur nicht gut ankommen, sich daher schlecht vermarkten lassen und folglich nur marginal verbreitet werden. Im Folgenden jetzt drei Punkte, die dies exemplarisch darstellen.

Wer sind die Toten?
Laut Angaben der Vereinten Nationen wurden bis März 2015 bereits 220.000 Menschen, Zivilist*innen und Bewaffnete der verschiedenen Seiten, in Folge der Auseinandersetzungen ermordet. Die der Opposition zuzurechnenden „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“, eine One-Man-Show des im britischen Coventry lebenden Kaufmanns Osama Suleiman, sprach im August 2015 schon von 240.381 Getöteten. Im Februar 2016 schätzte das „Syrisches Zentrum für Politikforschung“ 470.000 Tote im Konflikt, rechnete dabei aber auch die Menschen ein, die als Folge des Zusammenbruchs der Versorgungssysteme durch Krankheiten und fehlende Pflege ums Leben gekommen sind. Es ist also bisher von rund einer Viertelmillion Toten durch die direkten Kriegshandlungen auszugehen, Tendenz steigend.
Doch hat der Diktator Assad sie wirklich alle auf dem Gewissen, wie es zumindest im Westen die allgemeine Lesart ist? Vertritt man die Position, dass Assad der alleinige Verantwortliche für diesen Konflikt ist, dann ist das natürlich zutreffend. Interessant bleibt dann aber, dass diese Toten in der Öffentlichkeit vor allen als unschuldige Zivilist*innen dargestellt werden, die von der syrischen Armee massakriert wurden. Schaut man auf die Zahlen, wird klar, dass schon hier die Propaganda der Realität den Rang abgelaufen hat. Die bereits erwähnte „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“, die von jedem Verdacht frei sein dürfte, das Assad-Regime zu unterstützen, hat den Versuch unternommen, die Opfer zu unterscheiden. Demnach starben bis August des letzten Jahres 71.781 Zivilist*innen (darunter etwa 12.000 Kinder), wobei es keine Angaben dazu gibt, von welcher Seite diese umgebracht wurden. Die Regierungstruppen und ihre ausländischen Verbündeten hatten 88.616 Toten zu verzeichnen. Darunter 50.570 Soldat*innen, 33.839 Milizionäre der Nationalen Verteidigungskräfte, 903 Kämpfer der libanesischen Hisbollah-Miliz und 3304 Kämpfer anderer schiitischer Milizen. Auf Seiten der syrischen Aufständischen würden 42.384 Tote gezählt. Dazu kommen noch 34.375 Tote unter den ausländischen Dschihadisten.
Die meisten Toten stammen also von der Seite der Regierungstruppen (über 88.000), gefolgt von den „Aufständischen“ jeglicher Coleur (insgesamt etwa 78.000) und erst an dritter Stelle dann Zivilist*innen (etwa 72.000). Diese Zahlen wurden z.B. bei t-online veröffentlicht, interessiert hat dies aber eigentlich Niemanden. Wenn man also liest, dass Assad 250.000 Menschen „aus seinem eigenen Volk“ hat umbringen lassen, sollte Vorsicht geboten sein.

Wer sind diese Fassbomben?
Wie kein anderes Waffensystem sind die „Fassbomben“ zum Synonym für die Brutalität des syrischen Regimes geworden. Selbst der Einsatz der Chemiewaffen im Raum Damaskus, deren Urheberschaft keineswegs bewiesen ist, wird medial durch die „Fassbomben“ in den Schatten gestellt. Fragt sich also, was das besonders schlimme an diesen Waffen ist und warum sie so in den Fokus gerückt werden. Laut Wikipediabesteht eine Fassbombe aus einem mit Sprengmitteln und Metallteilen gefüllten Fass, das von einem Hubschrauber über dem Einsatzgebiet abgeworfen wird. Die zerstörerische Wirkung beruht auf der Menge an Sprengstoff in einem solchen Behälter und der verheerenden Wirkung der Metallteile, vor allem auf weiche Ziele. Fassbomben sind billiger und einfacher zu produzieren als herkömmliche Waffen. (…) Als Behälter können auch andere Metallgefäße verschiedener Art und Größe in Frage kommen, beispielsweise modifizierte alte Heizkessel oder Behälter zur Warmwasserbereitung, die auch mit Leitflügeln versehen sein können. Zur Zündung werden Zündschnüre oder Aufschlagzünder verwendet. (…) Aufgrund der improvisierten Anordnung sind Sprengkraft und Splitterwirkung von Fassbomben deutlich geringer als bei konventionellen Splitterbomben, bei denen Sprengstoffart, Form und Splittermantel aufwendig optimiert wurden. Aufgrund der Beschaffenheit ist zudem ein zielgenauer Einsatz fraglich, wodurch der militärische Nutzen in Frage steht. Human Rights Watch bezeichnet den Einsatz von Fassbomben als ‚mit hoher Wahrscheinlichkeit wahllos im Sinne des Kriegsrechts und damit unzulässig‘“.
Die grossflächigen Zerstörungen syrischer Wohngebiete können folglich nicht durch „Fassbomben“ mit ihrer geringen Sprengwirkung verursacht sein, sondern eher durch Luftminien bzw. Fliegerbomben und Artilleriegeschütze. Zum Töten von „weichen Zielen“, also bewaffneten oder unbewaffneten Menschen, eignen sich „konventionelle Splitterbomben, bei denen Sprengstoffart, Form und Splittermantel aufwendig optimiert wurde“, über die auch das syrische Militär verfügt, wesentlich besser. Der massenhafte Einsatz von „Fassbomben“ ist daher aufgrund ihrer Ineffektivität sehr unwahrscheinlich. Und sowieso fragt man sich, warum der Tod durch eine „Fassbombe“ schlimmer sein soll, als der durch z.B. lasergelenkte Raketen. Mit der Fokusierung auf „Fassbomben“ soll wohl eher vermittelt werden, dass das Assad-Regime ganz besonders rückständig und barbarisch ist. Ganz im Gegensatz zu z.B. dem Westen, der mit den modernsten Waffen quasi human tötet. Mit objektiver Berichterstattung hat das nichts zu tun.

Wer sind diese Rebellen im Norden
Im Norden Syriens würden die russische Luftwaffe und die syrische Armee die „moderaten, vom Westen unterstützten Rebellen“, die die Hoffnung auf ein neues, demokratisches Syrien darstellen, bekämpfen, heißt es in unseren Leitmedien. Dabei ist es kein Geheimnis, dass dort die Al Nusra-Front, also Al-Qaida, die stärkste militärische Kraft darstellt, welche eng an der Seite der „Rebellen“ kämpft. So erklärte z.B. Volker Schwenck von der ARD: „Gerade in der Region Aleppo und Umgebung ist die Al-Nusra-Front stark vertreten und fast unaufhebbar mit anderen Rebellengruppen verwoben“. Auf Wikipedia-Karten ist die massive Präsenz der Al Nusra-Front, die bei den meisten anderen Karten einfach unter den Begriff Rebellen subsumiert werden, deutlich ablesbar. Dennoch spielt dieser Fakt in der öffentlichen Wahrnehmung kaum eine Rolle.
Die zweitstärkste Gruppe stellt die salafistische Ahrar al-Scham (vergleichbar etwa mit den Taliban, nur etwas radikaler) mit etwa 20.000 Kämpfern dar, deren Ziel es ebenfalls ist, die Assad-Regierung durch einen islamischen Staat zu ersetzen. Die Ahrar al-Scham ist bekannt für ihr widersprüchliche Äusserungen: einerseits vertreten sie nach innen harte salafistische Positionen wie die Ablehnung der Demokratie und versuchen sich andererseits gegenüber dem Westen als moderat darzustellen. Bei den Verhandlungen in Riad im Dezember 2015 versuchten die Türkei und Katar Anerkennung und Unterstützung für Ahrar al-Sham zu organisieren, doch waren Anführern der Gruppe nicht bereit, dafür die Allianz mit der Al-Qaida (Al Nusra-Front) aufzugeben.
Andere Gruppen, vor allem die ständig herangezogene Freie Syrische Armee (FSA) existieren nur noch in Fragmenten. Allein durch ihre vom Westen gelieferten Panzerabwehrwaffen modernster Bauart dürfen sie sich heutzutage noch als Unterstützungsgruppen für die Dschihadisten anbieten. Es ist also eindeutig, wer bei den „Rebellen“ im Norden Syriens die Hegemonie ausübt. Doch selbst jetzt, nachdem die YPG im Norden Aleppo’s einen offenen Krieg gegen die Dschihadisten führt, bleibt der öffentliche Diskurs bei dem Märchen von den „gemäßigten Rebellen“. Objektiv ist das nicht.

Part 2: „Warum bekämpft Assad denn nicht den IS?“, „Warum bombardiert der Russe die syrischen Zivilist*innen?“ und „Warum stürzt der Westen nicht den Diktator?“.


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