annäherung an den krieg um syrien, part 0

Seit gut fünf Jahren tobt nun schon ein Krieg in Syrien mit hunderttausenden Toten. Angefangen als ein Aufstand im Kontext des „Arabischen Frühlings“ hat sich dieser Konflikt zu einem offenenen Krieg der verschiedensten Player mit der Gefahr einer globalen Eskalation entwickelt. Parallel dazu kann man seit ebenfalls fünf Jahren einen Propagandakrieg um die Deutungshoheit dieses Konfliktes beobachten, der wohl den Meisten jegliche Möglichkeit für eine eigene, auch nur ansatzweise objektive Bewertung der Situation entzogen hat. So ist es dann auch nicht weiter verwunderlich, dass ein Großteil der hiesigen Linken – wie leider immer öfter, wenn es kompliziert wird – nicht mal mehr den Versuch unternimmt, diesen Krieg zu verstehen. Während die Aufrechten zumindest zugeben, dass sie das Ganze einfach nicht verstehen und es ihnen viel zu kompliziert erscheint, gibt es in der Linken noch drei andere, doch eher unsympathische „Flügel“:

Blinde Ignoranz:
Der erste „Flügel“ vertritt die Position, dass sich eine Linke nicht Positionieren darf, wenn „die Falschen die Falschen aus den falschen Gründen“ angreifen. Klingt eigentlich vernünftig. Aber, wie das so oft ist, eben nur eigentlich. Denn wenn zehntausende Zivilist*innen, die nicht als so etwas wie „willfährige Vollstrecker“ eines Terrorregimes anzusehen sind, in Folge eines Krieges ermordet werden, hat eine Linke Partei für diese Menschen zu ergreifen. Eine Selbstverständlichkeit, die leider heutzutage nicht mehr selbstverständlich scheint.
Im Bezug auf den Syrienkrieg gibt es aber auch noch zwei spezielle Faktoren, die nicht losgelöst vom sonstigen Geschehen betrachtet werden können: So kämpfen (etwas pathetisch, aber zutreffend ausgedrückt) im Norden Syriens unsere kurdischen Genoss*innen für ihre Revolution, für eine emanzipierte Gesellschaft im Nahen Osten und für ein Ende der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen. Ebenso versuchen in Syrien verschiedenste islamistische Terrorgruppen ihr jeweiliges Kalifat zu errichten, um dort zwecks Gewinnmaximierung die brutalsten Formen der Unterdrückung des Menschen durch den Menschen unter ihrem religiösen Schleier zu verstecken. In beiden Punkten dürfte klar sein, dass und wie sich eine Linke dazu zu positionieren hat.

Blinde Flecken West: Der zweite „Flügel“ gibt sich kundig und bezieht klar Position zugunsten der sogenannten „Syrischen Revolution“ und der kurdischen Bewegung. Sie fordern, die „Rebellen“ und die YPG im Kampf gegen Assad und den IS zu bewaffnen und bejubeln jeden Luftangriff der US-geführten Allianz, während jeder russische Luftangriff verteufelt wird. Klingt zumindest eigentlich noch irgendwie vernünftig. Aber, wiedereinmal, eben nur eigentlich. Denn woran es der sogenannten „Syrischen Revolution“ mindestens seit 2013 ganz erheblich mangelt, sind Revolutionär*innen. Damit ist nicht nur die fast komplette Abwesenheit von Frauen bei dieser angeblichen „Revolution“ gemeint, sondern auch die fast komplette Abwesenheit von Männern, die auch nur irgendetwas ansatzweise emanzipatives anstreben. Die viel gepriesene „Freie Syrische Armee“, welche eh niemals als geschlossene Formation mit einer demokratischen Agenda existierte, besteht seit mindesten 3 Jahren zumindest im Norden Syriens nur noch in Form lokaler Kleinstverbände, die mit vom Westen finanzierten modernsten Waffen Feuerunterstützung für dschihadistische Offensiven gegen die Regierungstruppen und auch die YPG leisten. Um sich weiterhin unbeirrt auf der Seite der Guten zu wähnen, greift dieser Flügel der Linken auf ein bewährtes Rezept zurück: „Was nicht passt, wird passend gemacht“. Die dschihadistische Hegemonie wird ausgeblendet während gleichzeitig ziemlich unbedeutende Abspaltungen der FSA, die aus verschiedensten Gründen mit der YPG kooperieren, zu den entscheidenden Trägern der „Syrischen Revolution“ stilisiert werden.

Blinde Flecken Ost: Die letzte „Fraktion“ sieht in Assad, Putin und Rohani antiimperialistische Kämpfer für das Gute, die zusammen mit der YPG die Dschihadist*innen und nebenbei das kapitalistische Sytem niederringen wollen, um quasi eine neue Sowjetunion freier Menschen aufzubauen. Das klingt noch nicht einmal vernünftig. Mal davon abgesehen, dass keiner der drei Herren sich auch nur ansatzweise als Sozialist versteht, will dieser „Flügel“ nicht sehen, dass (auch) Assad, Putin und Rohani jede Repression bis hin zum offenen Krieg recht ist, um die eigenen wirtschaftlichen und strategischen Interessen durchzusetzen.

Viel Quatsch um Syrien also. In den nächsten Wochen werden hier daher mehrere „Fragen“ beantwortet, die in kleinen Happen hoffentlich eine Annäherung an den Krieg um Syrien ermöglichen.
Part 1: „Wer sind die Toten?“, „Wer sind diese Fassbomben?“ und „Wer sind diese Rebellen im Norden“.


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