antimuslimischer rassismus in der linken
[kritikpapier und stellungnahmen]

»Ein Kommentar zu der Veranstaltung „Das Patriarchat ist tot, es lebe das Patriarchat?! Ein Plädoyer für die Anliegen des klassischen Feminismus“, die am 29. Oktober 2015 vom FemRef an der Uni Oldenburg organisiert wurde:
Auf der Veranstaltung plädierte die Referentin Korinna Linkerhand für die Rückbesinnung auf die Forderungen und Ziele der zweiten Frauenbewegung in Abgrenzung zum heute weit verbreiteten Queer-Feminismus. Ihre Beschreibung der feministischen Bewegung konzentrierte sich auf Kämpfe aus Westeuropa und den USA, wodurch global stattfindende Kämpfe ausgeblendet wurden und die Darstellung der Geschichte der Frauenbewegung eine eurozentristische blieb. Ihr Interesse richtete die Referentin nur auf andere Teile der Welt, um Defizite festzustellen: So bezeichnete sie das muslimische Kopftuch als Symbol patriarchaler Herrschaft, welches bekämpft werden müsse.

Sie bezog sich dabei u.a. auf Alice Schwarzer, die sich im sogenannten ‚Kopftuchstreit‘ Anfang der 2000er Jahre durch das vehemente Einnehmen einer antimuslimisch rassistischen Position hervorgetan hat und diese bis heute vertritt.
Die Referentin wurde auf der Veranstaltung darauf hingewiesen, dass sie mit ihrer Kritik am Kopftuch ausgerechnet das Thema aufgreift, welches im antimuslimischen Diskurs von Sarrazin bis Schwarzer immer wieder als Argument dafür herhalten muss, dass ‚der‘ Islam per se frauenfeindlich und deshalb zu bekämpfen sei und dass ihre Kritik diesen rechten und rassistischen Diskurs bedient. Leider konnte sie zum einen nicht erklären, inwiefern sich ihre Kritik von der antimuslimischer Hetzer_innen unterscheidet, zum anderen versuchte sie die Kritik plump von sich zu weisen. An dieser Stelle wäre es sowohl wünschenswert als auch absolut notwendig gewesen, diese Kritik zu reflektieren. Wenn auch nicht immer umgehend auf Kritik eingegangen werden kann, so müsste doch zumindest die Bereitschaft signalisiert werden, sich mit ihr auseinanderzusetzen. Diesen Eindruck vermittelte die Referentin nicht – bei einer kurzen Recherche im Internet wird deutlich, dass das wohl nicht in ihrem Interesse lag. Korinna Linkerhand ist Mitglied von „meine frauengruppe“, welche auf ihrem Blog eine durch und durch rassistische Abhandlung über das Kopftuch veröffentlicht hat [hier nachzulesen]. Die Aussagen auf der Veranstaltung und der Text verdeutlichen, auf welcher Seite sowohl die Referentin als auch die Gruppe stehen – nämlich Schulter an Schulter mit antimuslimischen Hetzer_innen wie Alice Schwarzer und Thilo Sarrazin. Letzterer hatte sich insbesondere mit seinem 2010 veröffentlichten Buch „Deutschland schafft sich ab“ als antimuslimisch rassistischer Hardliner positioniert und der Hetze gegen (vermeintliche) Muslim_innen Aufwind verschafft. Wenngleich Korinna Linkerhand und ihre Gruppe vorgeben, ihre Kritik am Kopftuch aus einer linken und emanzipatorischen Perspektive zu formulieren und sich ihr Rassismus von dem Sarrazins zumindest in den geforderten Konsequenzen [1] unterscheidet, bedienen sie sich doch der selben rassistischen Distinktionsmittel wie ein Thilo Sarrazin.

Korinna Linkerhand oder Alice Schwarzer deuten die ‚westlichen‘ Gesellschaften als ‚aufgeklärte Moderne‘ – in der sich zwar noch nicht alles, aber dennoch vieles zugunsten der Frauen verändert hat. Andere – nicht-westeuropäische oder nicht-nordamerikanische – Gesellschaften werden als rückständige Vorstufe der eigenen begriffen. Dadurch dass angenommen wird, die Kämpfe um die Befreiung der Frau erfolgreich geführt zu haben, wird sich das Recht genommen, anderen Frauen nicht nur den Weg in die Befreiung zu weisen, sondern diesen mehr oder weniger rigide vorzuschreiben. Das Motiv der Befreiung der muslimischen Frau zur Legitimation gewaltsamer Eingriffe in die Souveränität von Menschen, Gesellschaften und Staaten hat eine lange rassistische Tradition, die über die Kreuzzüge und den Kolonialismus bis hin zu den heutigen Kriegen bspw. in Afghanistan reicht. Es diente stets der Absicherung der eigenen Herrschaft.
Zudem missachtet diese ‚Erfolgsgeschichte‘ der weißen Frauenbewegung, dass die Emanzipation weißer, ‚westlicher‘ Frauen auf Kosten von Schwarzen oder Women of Color stattfand. So konnte der Einzug der Frauen in die Erwerbstätigkeit oft nur stattfinden, weil Schwarze Haushaltshilfen oder Kindermädchen of Color die Reproduktionsarbeit für die weißen Frauen übernahmen. Auch wenn nicht abgestritten werden kann und soll, dass Geschlechterverhältnisse verschoben und Errungenschaften erkämpft wurden, bleibt zu bedenken, dass das mit einer Verschiebung von Machtverhältnissen zulasten von Schwarzen und Women of Color einher ging und weiße Privilegien oft auf Kosten dieser ausgebaut wurden. Selten wurde und wird diese Entwicklung von weißen Frauen kritisiert – für eine Auseinandersetzung mit den eigenen rassistischen Strukturen braucht(e) es meistens die Kritik von Feministinnen of Color und Schwarzen Feministinnen. Ebenso wird übersehen, dass weltweit Frauen für ihre Rechte kämpfen und Veränderungen erstreiten – und sie dafür nicht der Erklärungen ‚westlicher‘ Feministinnen bedurften, sondern diese Kämpfe schon seit hunderten (wenn nicht tausenden) von Jahren stattfinden.

Radikaler Feminismus heißt, sich solidarisch miteinander zu zeigen und nicht die eigene Befreiung auf dem Rücken anderer Frauen zu verwirklichen! Die Stimmen und Forderungen von Women of Color und Schwarzen Frauen sowie weltweit stattfindende Kämpfe müssen ernst genommen und wertgeschätzt werden. Anstatt diesen Frauen paternalistisch den Weg zur Befreiung weisen zu wollen, sollte sich lieber solidarisch auf diese Kämpfe bezogen werden. Dazu gehört, den eigenen Weg nicht als universell gültigen zu betrachten, die Bereitschaft zu haben, die Forderungen und Errungenschaften der ‚westlichen‘ Frauenbewegung infrage zu stellen und ihre Verbindung mit Rassismus, Kolonialismus und Klassenprivilegien zu benennen. Kämpfe außerhalb Westeuropas und den USA dürfen nicht als den eigenen untergeordnet gesehen werden – vielmehr sollten ‚westliche‘ Feministinnen bereit sein, von ihnen zu lernen.
Sich antimuslimisch rassistischen Argumentationen anzuschließen, bedeutet nicht nur, nicht-weiße Frauen aus dem eigenen feministischen Kampf auszuschließen und so vor allem weiße Privilegien zu verteidigen. Es bedeutet auch, neokoloniale Kriege zu rechtfertigen und ihnen aus einer vermeintlich linken und feministischen Perspektive Legitimation zu verschaffen.
Wer sich also auf die Fahne schreibt, eine linke Feministin zu sein, muss dem antimuslimischen Rassismus den Kampf ansagen. Auch in den eigenen Reihen!

Eine Besucherin der Veranstaltung

[1] Korinna Linkerhand und „meine frauengruppe“ sei an dieser Stelle mal nicht unterstellt, dass sie beispielsweise aufgrund der angeblichen Bedrohung der ‚westlichen Zivilisation‘ durch Muslim_innen eine noch repressivere Asylpolitik in Deutschland und Europa fordern (wie Sarrazin es tut).«

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Antwort der Referentin Korinna Linkerhand:
»Liebe Besucherin meines Vortrags,
es ist eine ziemlich unfeine Art, Rassismusvorwürfe zu erheben und dabei anonym zu bleiben. Das Denunziant_innentum, wie es sich vor allem in der queerfeministischen Szene breitmacht, riecht nach Feigheit und Angst. Es macht mir Sorge, dass Feministinnen so miteinander umgehen, statt Wege zu suchen, gute Diskussionen miteinander zu führen und politisch zusammenzuarbeiten.

Dennoch – und meiner Vorliebe für Polemik zum Trotz – möchte ich davon absehen, so rumzupöbeln, wie du es getan hast. Stattdessen möchte ich mich darauf konzentrieren, meine Ansicht bezüglich Kopftuchdebatte und antimuslimischem Rassismus differenziert darzustellen – wie ich es bereits im Vortrag versucht habe. Vielleicht habe ich schriftlich mehr Erfolg.

Ja, ich kritisiere das muslimische Kopftuch als patriarchales Symbol mit verheerender Macht über viele Frauen in vielen Teilen der Welt. Und ich freue mich, dass du dir die Mühe gemacht hast, einen diesbezüglichen Text der Frauengruppe durchzulesen. Das meine ich ganz ernst. Schade nur, dass du es nicht gründlich genug getan hast.

Gleich im ersten Absatz steht nämlich, dass es uns genauso darum geht, den hegemonialen Sexismus des Westens zu kritisieren, wie den islamischen – ja, dass beides nur in einem dialektischen Verständnis der Moderne zu begreifen ist. Damit ist gemeint, dass wir die kapitalistische Moderne nicht allein als Hort der Frauenrechte sehen, sondern als strukturelles Patriarchat, das – im Westen wie in der arabischen Welt – alle Lebensbereiche durchzieht. Und hättest du noch ein wenig gründlicher hingeguckt, wäre dir aufgefallen, dass auf den ersten Teil des Textes ein zweiter folgt, der sich ausschließlich mit dem Patriarchat westlicher und aufgeklärter Prägung auseinandersetzt und übrigens, falls dir an Formalia liegt, mehr als doppelt so lang ist wie der erste. So viel zur westlichen Selbstkritik der Frauengruppe.

Aber nun zum Inhaltlichen: Meine Vorstellung von Freiheit beinhaltet, dass jedes Mädchen, jede Frau und überhaupt jeder Mensch ein Kopftuch tragen können sollte, wenn sie oder er Lust dazu hat. Ebenso sollte jede und jeder einen Minirock tragen dürfen, der oder die Lust dazu hat. Ich z. B. fühle mich in meinen kurzen Röcken sehr wohl und entscheide mich aus freien Stücken, sie zu tragen. Und doch ändert das nichts an der Tatsache, dass der Minirock Symbol einer patriarchalen Zurichtung ist, die weibliche Attraktivität danach definiert, wie viel Haut, Bein und Dekolleté, d. h. sexuelle Verfügbarkeit, eine Frau zeigt. Diese Zurichtung ist innerster Bestandteil weiblicher Sozialisation und bestimmt zu einem sehr großen Teil die Identität und das Selbstbild der Einzelnen. Es bleibt nur, sich über feministische Selbstreflexion ein Stück weit von den verinnerlichten Idealen zu emanzipieren und sich dadurch ein bisschen mehr Entscheidungsspielraum zu erobern (ohne dass man sich je völlig davon befreien könnte). In der westlichen Welt befinden wir uns in der glücklichen historischen Lage, dass uns die Meinung unserer Eltern, Brüder und potenziellen GeschlechtspartnerInnen theoretisch egal sein kann. Das demokratische Patriarchat erlaubt zumindest formal die ökonomische und folglich auch die persönliche Unabhängigkeit.

Diese Situation unterscheidet sich sehr von derjenigen, in der sich Frauen in islamisch regierten Staaten wie dem Iran oder Saudi-Arabien befinden, in denen eine ganz klassisch patriarchale Abhängigkeit vom Vater, Bruder und Ehemann herrscht, zumeist in schönem Einklang mit dem Zwang zur Verhüllung. Kopftuch, Burka und Tschador symbolisieren die Auffassung, dass Frauen ebenso schützenswerte wie verführerische Wesen seien, deren Freizügigkeit die Männer zu sexuellen Übergriffen verleiten würde; weshalb es besser wäre, dass sie ihre Reize verhüllen, um nicht den Besitzanspruch ihres Vaters oder Ehemanns bzw. gleich die öffentliche Ordnung zu gefährden. Diese Deutung des Kopftuchs geht nicht auf mich zurück – sondern sie wird tagtäglich millionenfach mit staatlicher, religiöser und familiärer Gewalt durchgesetzt. Jenen Gewalten ist es ganz egal, wie freiwillig z. B. eine Türkin oder eine marokkanischstämmige Deutsche oder eine deutsche Konvertitin ihr Kopftuch tragen, ganz egal, ob sie es als Ausdruck ihrer Weiblichkeit oder ihrer persönlichen Entscheidungsfreiheit interpretieren. Mit meiner Kritik am Kopftuchzwang setze ich mich dafür ein, dass Lust und individuell vertretener Glaube die einzigen Motivationen werden, ein Kopftuch zu tragen.

Im Rahmen dieser Kritik verstehe mich als solidarisch nicht nur mit patriarchatskritischen westlichen Feministinnen, sondern mit allen Feministinnen, die auf säkularer Grundlage für Frauenrechte eintreten. Darin stehe ich auf einer Linie mit Alice Schwarzer sowie mit muslimischen und exmuslimischen Feministinnen: Mina Ahadi, Necla Kelek, Ayaan Hirsi Ali und Seyran Ateş. Diese nicht-weißen Feministinnen, die das Kopftuch scharf angreifen, grade weil sie unter seiner Fuchtel aufgewachsen sind, fallen freilich ein wenig aus deinem Rassismus-Schema. Leider fallen sie aus dem Schema vieler Linker und Feministinnen und bekommen in Deutschland und in Europa viel weniger Unterstützung, als sie nötig hätten, um ihren Kampf für die Selbstbestimmungsrechte von Frauen (und Mädchen und Homos und Transpersonen) in islamischen Regimes wie in islamischen Communitys im Westen zu führen.

Weil es die westliche Gesellschaft ist (präzise gesagt Deutschland, Österreich, die Niederlande und die USA), die Hirsi Ali, Ahadi, Kelek und Ateş die Möglichkeit gibt, ihre Kritik zu formulieren, haben diese Aktivistinnen ein sehr positives Verhältnis zum Patriarchat westlich-demokratischer Prägung. Für diese muslimischen und exmuslimischen Feministinnen gilt tatsächlich, was du mir unterstellst: Der Westen bedeutet für sie Freiheit. Sie stellen heraus, dass die Frauenunterdrückung des politischen Islam nicht Zeichen einer respektablen, den MuslimInnen irgendwie angeborenen Kultur ist, sondern Herrschaftsinstrument des islamistischen Patriarchats, unter dem Frauen und auch Männer leiden, die aus ökonomischen Gründen und aus Gründen der staatlichen und familiären Gewalt nicht die Wahl haben, wo und wie sie leben möchten. Darum mahnen jene vier Feministinnen eindringlich, am Anspruch der universalen Menschen- und besonders Frauenrechte festzuhalten, der das kostbare Erbe der Zweiten Frauenbewegung ist.

Richtig, der Gedanke weltweit gültiger Frauen- und Menschenrechte ist, ebenso wie der Kapitalismus selbst, westlichen Ursprungs – und trotzdem würde es fatal in die Irre gehen, wollte man nicht für ihre weltweite Gültigkeit kämpfen. Im globalen Kapitalismus sind diese vertraglich vereinbarten Rechte die einzige Möglichkeit, erträgliche Lebensbedingungen für alle Menschen einzuklagen. Die Überwindung der Menschenrechte innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu fordern, relativiert alles Unrecht und Leid, das Menschen im Namen irgendeiner Kultur oder Religion zugefügt wird. Das übersieht dein Angriff auf den westlichen Feminismus.

Anders als Ahadi, Kelek, Ateş und Hirsi Ali sehe ich als weiße, westliche Feministin mich nicht in der Position, den Westen ungebrochen hochleben zu lassen. Ich bin nicht mit dem Kopftuchzwang aufgewachsen, sondern mit der Vorstellung, Frauen stünde selbstverständlich die ganze Welt offen; aber schön, schlank, fürsorglich und unkompliziert hätten sie dabei schon zu sein. Da Feminismus immer auch Standortpolitik ist, liegt meine nächstliegende Aufgabe also darin, das westliche Patriarchat zu analysieren und zu bekämpfen. Das schließt auch das äußerst widersprüchliche Anliegen ein, die Errungenschaften westlicher Frauenemanzipation zu verteidigen und gleichzeitig den Westen grundsätzlich abschaffen zu wollen. Diese Abschaffung stelle ich mir im Zuge einer umfassenden marxistischen Kapitalismuskritik vor, also als eine Utopie, in der Frauenrechte nicht mehr nötig wären, weil der gesellschaftliche Zwang zum Frau- und Mannsein nicht mehr so verheerend wirken würde.

Zu meinen Aufgaben als westliche Feministin gehört auch die Reflexion, dass wir uns hier in einem Patriarchat befinden, das als Ausschlusskategorien nicht allein den Sexismus, sondern ebenso den Rassismus hervorbringt. Du hast natürlich Recht, wenn du darauf pochst, wie sehr der antimuslimische Rassismus hierzulande wütet, und dass es mehr denn je darauf ankommt, ihn anzugreifen und bloßzustellen, wo immer es geht. Ich stimme dir auch zu, dass gesellschaftliche Entwicklungen wie die Verschiebung von Reproduktionsarbeit weg von der weißen Hausfrau hin zu schlecht bezahlten Migrantinnen einbezogen und kritisiert werden müssen. (Es bleibt allerdings die Frage, inwieweit dies ausgerechnet weißen Feministinnen anzulasten ist statt dem rassistischen Patriarchat als Ganzes, in dem auch weiße Frauen beileibe nicht die handlungsmächtigsten Akteure sind?)

Was ich mir aber energisch verbitte, ist der Vergleich mit dem rassistischen Bevölkerungspolitiker Sarrazin. Dieser Vergleich ist ein gutes Beispiel, wie sehr ein Antirassismus, der sich allein damit begnügt, Diskurse zu analysieren, an der Wirklichkeit vorbeigeht. Die Frauenunterdrückung, die in islamischen Communitys stattfindet, ist leider ebenso Realität wie die ideologische Reaktionsbildung von NazipolitikerInnen und NazibürgerInnen. Dass deutsche Chauvinisten im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise plötzlich ihren Feminismus entdecken und gegen angeblich frauenunterdrückende EinwanderInnen hetzen, während Mutti ihnen zu Hause das Mittagessen kocht, ist eben kein hinreichender Grund dafür, sich nicht mit dem niederträchtigen Frauenbild zu beschäftigen, das der politische Islam propagiert und das Realität an vielen deutschen Schulen und in vielen auch in Deutschland lebenden Familien ist.

Im Gegenteil – diese Realität zu verleugnen, um bloß nicht irgendwelche Diskurse zu bedienen, verschließt fahrlässig die Augen und lässt all die Mädchen und Frauen im Stich, die nicht die Wahl haben, wie sie sich kleiden und schmücken möchten oder ob sie als Jungfrau in eine arrangierte Ehe gehen wollen.

Mina Ahadi hat neulich bei einem Vortrag diesen Verrat westlicher Feministinnen an ihren iranischen Schwestern beklagt: Die iranische Revolution, die zu einem wichtigen Teil aus Studentinnen bestand, die Miniröcke tragen und Marx lesen wollten, wurde 1979 von den Islamisten okkupiert, die die Aktivistinnen sofort in den Tschador zurückzwangen bzw. gleich vergewaltigten und hinrichteten. Die westliche Linke und die westlichen Feministinnen kümmerte das einen Dreck; sie werteten die islamistische Machtübernahme als etwas, das den IranerInnen qua Kultur und Religion eh zukam und worein man sich lieber nicht mischte. Die iranischen Feministinnen, die dieses schöne Bild von der bunten Vielfalt der Kulturen störten, wurden ignoriert oder als Nestbeschmutzerinnen denunziert – damals wie heute. Ahadi, Ateş, Kelek und Hirsi Ali haben allesamt den Hass ihrer Herkunftscommunitys auf sich gezogen, sie erhalten immer wieder Morddrohungen und müssen polizeilich geschützt werden. Diese Verhaftung in kulturalistischen Vorstellungen, die das Leiden und die Entscheidungsfreiheit einzelner Menschen nicht erfasst und darin wie ein umgekehrter Rassismus funktioniert, greife ich an. Leider wird sie von vielen Linken und auch vom Queerfeminismus geteilt.

Das Bemühen, unsere frauenverachtende Gesellschaft in ihren Facetten zu begreifen und zu kritisieren, ist mein Beitrag zur Solidarität mit global stattfindenden feministischen Kämpfen. Ähnlich wie du glaube ich, dass diese Solidarität dringend nötig ist. Die Vernetzung muss einerseits hier, in den verschiedenen feministischen Szenen, stattfinden und andererseits auf internationaler Ebene, z. B. mit (ex-)muslimischen Feminist_innen, russischen LGBT-Aktivist_innen und Menschen- und Bürgerrechtler_innen überall auf der Welt. Dadurch können wir hoffentlich alle reicher an Erfahrung und Selbstreflexion und vor allem an gesellschaftlichem Einfluss werden.

Mit muslimischen Feministinnen, die den Kopftuchzwang zulasten der Frauen- und Menschenrechte verteidigen, solidarisiere ich mich hingegen nicht. Ich solidarisiere mich auch nicht mit westlichen Feministinnen, die den universalistischen Anspruch der Zweiten Frauenbewegung für überholt halten, weil sie nicht begreifen, dass es im größten Teil der kapitalistisch-patriarchalen Weltgesellschaft nach wie vor darum geht, die grundlegendsten Frauenrechte zu erkämpfen und dass unsere Anklage, unsere Analyse und vor allem der politische und ökonomische Einfluss der westlichen Staaten bei diesen Kämpfen bitter nötig ist.
Korinna Linkerhand
«
[Quelle]

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Stellungnahme der Redaktion outside the box:

»Was soll das? Gegen den Kurzschluss zwischen Islamkritik und Rassismus
Stellungnahme der outside the box zur Kritik an Korinna Linkerhand und der mfg

In einem Text, den das Autonome feministische Referat (FemRef) der Uni Oldenburg unkommentiert1 und ohne Nennung der Verfasserin veröffentlich hat, wird unserer Autorin Korinna Linkerhand sowie der feministischen Gruppe meine frauengruppe (mfg), der sie angehört, Rassismus vorgeworfen. Was haben sich Linkerhand und die mfg zuschulde kommen lassen? Sie kritisieren die patriarchale Ideologie des Islams, unter anderem das Gebot der Verschleierung für Frauen, als Teil weltweit bestehender patriarchal-sexistischer Verhältnisse. Ihr Ziel ist dabei nicht, westliche Gesellschaften der Kritik zu entziehen, sondern im Gegenteil eine Aktualisierung der Kritik des Patriarchats in all seinen derzeitigen Erscheinungsformen. Die anonyme Verfasserin, die ihren Text als Kritik an Korinna Linkerhands Ende Oktober in Oldenburg gehaltenen Vortrag „Das Patriarchat ist tot, es lebe das Patriarchat?!“ verstanden wissen will, bezieht sich an keiner Stelle auf konkrete Argumente, kanzelt einen zusätzlich herangezogenen Text der mfg ohne weitere Ausführung als „durch und durch rassistisch“ ab, und bleibt somit im Ganzen phrasenhaft. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit der Argumentation Linkerhands und der mfg scheint (trotz der gegenteiligen Forderung, man solle sich mit Kritik doch auseinandersetzen) nicht gewünscht zu sein. Durch die Abwesenheit einer tatsächlichen inhaltlichen Auseinandersetzung mit Linkerhands Positionen und die parolenhafte Forderung, antimuslimischen Rassismus – hier offenbar verstanden als jegliche Form von Islamkritik – „in den eigenen Reihen“ „den Kampf anzusagen“, erweckt der Text zudem insgesamt eher den Eindruck einer Denunziation als den einer sachlichen Auseinandersetzung.

Das autonome feministische Referat der Uni Oldenburg, das Korinna Linkerhand eingeladen hatte, um einen Vortrag über die Notwendigkeit von Patriarchatskritik zu halten, stellt sich nicht hinter seine Referentin, lässt nichts über eigene Reflexionsprozesse verlautbaren, sondern sagt dazu einfach gar nichts (Update: siehe Fußnote). Im Ernst – was soll das? Statt sofort verschüchtert zu verstummen, sobald jemand „Rassismus!“ ruft, sollten wir uns lieber darüber verständigen, was wir meinen, wenn wir Rassismus sagen und dies im Zweifelsfall diskutieren. In der Logik der unbekannten Besucherin scheint Rassismus nämlich bereits dann zu bestehen, wenn der Islam und seine Praktiken kritisiert werden. Der Islam ist allerdings keine „Rasse“, sondern eine Religion; und Religionen müssen kritisiert werden können, zumal dann, wenn es sich um eine derart wirkmächtige politische Kraft handelt, wie das beim Islam derzeit der Fall ist. Das zu unterlassen bedeutet unter anderem all jenen die Solidarität zu verweigern, die vor patriarchalen Strukturen Schutz in westlichen Gesellschaften suchen. Dass da nicht alles super ist – geschenkt. Feministische Gesellschaftskritik, wie wir und auch Korinna Linkerhand und meine frauengruppe sie verstehen, bedeutet immer auch Kritik an Kapitalismus und sexistischen Strukturen vor Ort, und das schließt die von der anonymen Kritikerin geforderte Kritik der Geschichte der bürgerlichen Frauenbewegung mit ein.

Was in der Stellungnahme zu Linkerhands Vortrag vollzogen wird, ist ein Kurzschluss zwischen rassistischer Markierung und Kultur/Religion. Wenn aber die Kritik an einer Kultur oder Religion als Rassismus gebrandmarkt wird, dann liegt dem ein falscher Rassismusbegriff zugrunde, der Kultur/Religion essentialisiert und quasi zur Natur erklärt – statt der Naturalisierung, die auch der Rassismus vornimmt, etwas entgegen zu setzen. Der Logik des von uns kritisierten Rassismusbegriffs entsprechend hätte jedes Individuum nur eine unveränderbare und mit einer bestimmten Ethnie/race verknüpften Kultur/Religion. Das halten wir für falsch, denn dann befinden wir uns direkt im rechten Diskurs: „Türke ist gleich Moslem“. Korinna Linkerhand kritisiert den Islam und ihr wird „antimuslimische rassistische Hetze“ vorgeworfen, es wird also zwischen dem Islam und „den Muslimen“ nicht mehr unterschieden. Auch das halten wir für falsch, denn das hieße, dass sich alle Muslime gleich zum Islam positionieren und man mit jeder Kritik am Islam gleichzeitig eine angeblich homogene Gruppe – „die Muslime“ – kritisieren würde. Dass diejenigen, die sich selbst als Muslime/Muslimas bezeichnen, sehr verschieden sind und den Begriff des Muslimischseins unterschiedlich füllen (religiös, ethnisch, kulturell, etc.), versteht sich von selbst; und auch, dass manche, die dieser Gruppe zugeordnet werden, sich selbst gar nicht (in erster Linie) als Muslime bezeichnen würden. In diesem Sinne positionieren natürlich auch wir uns gegen „antimuslimischen Rassismus“. Wie sinnvoll dieser Begriff jedoch wirklich ist, und ob er nicht zu sehr dafür prädestiniert ist, zu Missverständnissen bzw. Kurzschlüssen im obigen Sinne zu führen, stünde zur Debatte. Mit großem Unbehagen beobachten wir den inflationären Gebrauchs eines undifferenzierten, tendenziell essentialisierenden Rassismusbegriffs und fordern, dass darüber diskutiert wird, anstatt „Kulturen“ und Religion heilig zu sprechen und sie jeder substanziellen Debatte zu entziehen. Aus der Tatsache, dass Kritik am Islam massiv zu rassistischen Zwecken genutzt wird, kann nicht folgen, dass jede Kritik am Islam unter den Verdacht des Rassismus fällt. Islamkritischer Diskurs und Rassismus dürfen nicht miteinander identifiziert werden.

Wenn der Islam, wie auch die meisten anderen Religionen, sexistische und frauenverachtende Haltungen bzw. Praktiken beinhaltet, sollte dann ein emanzipatorischer Feminismus aufgrund seines „westlichen“ Hintergrunds davor die Augen verschließen und schweigen? Wenn jegliche in westlichen Gesellschaften gültigen basalen Rechte und Freiheiten als eurozentristisch abgewehrt werden, ist eine emanzipatorische Theorie und Praxis nicht mehr möglich. Aus einer notwendigen postkolonialen Perspektive kann auch der Schluss gezogen werden, noch entschiedener dafür zu kämpfen, dass die von diesen Rechten und Freiheiten wie auch dem westlichen Wohlstand Ausgeschlossenen es nicht länger bleiben. Mina Ahadi, deren Weggefährtinnen im Iran hingerichtet werden, weil sie sich den Regeln des Regimes nicht unterwerfen wollen, stellt diesbezüglich klar: „Es gibt in Europa menschenrechts- und frauenrechtsorientierte Werte, das ist aber nicht christlich-abendländisch, sondern das sind humanistische Werte, welche gegen den Widerstand der Kirchen bitter erkämpft worden sind. (…) wenn Tausende von Frauen, welche gegen die Zumutungen der islamischen Communities kämpfen, allein gelassen werden, wenn Moscheen und Islamisten immer noch mehr Macht gewinnen in der Mitte von Europa und wenn das auch noch als erfolgreiche Integration verkauft wird, wenn also statt Menschen der Islam integriert wird, was können die Frauen dann tun?“2 Wenn wir also jenen Frauen, die – aus welchen Gründen auch immer – freiwillig und selbstbestimmt ein Kopftuch tragen, unterstützen, dann dürfen wir gleichzeitig nicht Millionen von Frauen vergessen, denen der Schleier (staatlicher) Zwang ist; diejenigen, denen gewaltvolle Sanktionen drohen, wenn sie den Schleier nicht tragen. Wer gibt ihnen eine Stimme, wenn wir es nicht einmal mehr wagen, den politischen Islam zu kritisieren, weil das Damoklesschwert „Rassismus“ über uns schwebt, wir mit Sarrazin und Konsorten in einen Topf geworfen werden, wenn wir uns gegen eine Religion und ihre Praktiken aussprechen?

Wir dürfen uns nicht dumm machen lassen von der Komplexität der Verhältnisse. Feministische Gesellschaftskritik braucht Diskussion, keine Tabuisierung bestimmter Kritikinhalte. Wenn reflexhaft Rassismus diagnostiziert wird, sobald jemand Praktiken und Ideologien kritisiert, die unter anderem auch (aber durchaus nicht nur) von Women of Color bzw. migrantischen Frauen vertreten werden, verunmöglicht dies nicht nur jede Diskussion, sondern führt die Entmündigung jener Frauen paradoxerweise fort: als handle es sich hierbei nicht um entscheidungs- und konfliktfähige Subjekte.

1 Update: Inzwischen hat das FemRef dem Text zumindest eine kurze Erklärung vorausgeschickt, sie befänden sich derzeit noch im Diskussionsprozess und würden ihre Auseinandersetzungen demnächst nach Außen tragen.

2 Mina Ahadi im Tagesspiegel: http://www.tagesspiegel.de/politik/zurueckgeschrieben-der-islam-und-deutschland-eine-ex-muslimin-antwortet-einem-leser/11364256.html «
[Quelle]

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Stellungnahme des FemRef:
»wir schätzen auseinandersetzungen mit unserem programm, auch und besonders wenn dabei kritik rauskommt. deshalb veröffentlichen wir an dieser stelle die kritik einer besucherin des von uns organisierten vortrags. wir sind im neuen team selbst in diskussion über den vortrag, die kritik und unseren umgang mit kritik. und wir werden unsere auseinandersetzungen auch zeitnah nach außen tragen. der vortrag von korinna linkerhand kann hier angehört werden« [Quelle]


3 Antworten auf “antimuslimischer rassismus in der linken
[kritikpapier und stellungnahmen]”


  1. 1 leser_in 19. Januar 2016 um 22:00 Uhr

    rojbas,
    da das nun alles ganz schön viel text ist will ich hier jetzt keine längere antwort zu der inhaltlichen auseinandersetzung dazu schreiben.
    ich finde es nur generell echt traurig wenn irgendwer ne rassimus kritik geäussert wird (sei es an einem vortrag oder text oder der direkten konfrontation) es fast immer zu total krassen (oft agressiven) verteidungs- und rechtfertigungsaktionen kommt. das ist echt ständig so, und schüchtert ein und führt oft da zu, dass leute rassimuskritik nicht mehr äussern oder sich frustriert aus weissen linken oder feminist_innen zusammenhängen raus ziehen.
    dabei ist so ne kritik ja auch ne einladung und chance. ich würde mir wünschen, dass auf so ne kritik anders reagiert ist vielleicht wurden durch diesen vortrag und jetzt durch diese antworten sicherlich auch mensch, auch feminist_innen verletzt und erinnert an den alltagsrassismus den wir so erleben als P.O.C. Feminist_innen. Ich finde ne inhaltliche Diskussion schon ok und auch sich dabei nicht immer gleich einig zu sein, aber ich wünsche mir sowas wie „hey danke für den mut diese kritik zu äussern. sorry wenn wir/ich da jemanden verletzt habe. ich denke mal drüber nach, ob meine privilegien eine rolle spielen bei meiner sichtweise oder ob ich vielleicht missverständlcih rüber gekommen bin oder ob es etwas gibt was ich vielleicht lieber doch anders machen will“
    soviel erst mal zum umgang miteinadner und zu reaktionsmöglichkeiten auf rassismuskritik

  2. 2 leser_in 19. Januar 2016 um 22:14 Uhr

    nochmla rojbas,
    alice schwarzer zitieren finde ich geht gar nicht.

    wie gesagt ich komme nicht mit bei diesen textmassen, ist mir zu akademisch (sag nciht das ist total falsch, aber eben nciht so meine ebene).

    aber alice schwarzer zitieren ist nicht ok. ja das verletz mich, macht mich verrückt, is tmir unverständlich wie das in linken feministischen zusammenhängen nur einen platz haben kann.

    PS: ich finde anonym auf so ner seite wie hier zu schreiben ok und nicht verwerflich oder feige

  3. 3 leser_in 26. Januar 2016 um 21:48 Uhr

    rojbas,
    ich finde hier kommt so rüber (also im kommentar der referentin und die Stellungnahme der Redaktion outside the box) als, ob Feministiche Bewegungen in denen auch Kopftuch tragende Frauen (übrigens diese sind sehr unterschiedlich und lassen sich nur schlecht in ne schublade stecken) irgendwie von dem soviel besseren und schon weiter seienden feministische Bewegung aus Europa/BRD lernen sollten. Meine Wahrnehmung ist hier eine ganz andere die kurdische Frauenbewegung in der es auch kopftuchtragende gibt (ja und?) z.B. scheint mir in den letzten jahren sher viel radikaler und „fortgeschrittener“ (komisches wort aber ich gebe das jetzt mal so zurück). da geht seit ner ganzen zeit sehr viel mehr gegen das patriarchat als hier. und es gibt ne menge was die feminist_innen von „hier“ von denen von „da“ (= ausserhalb europa, in islamisch geprägten gesellschaften) lernen können. anstatt ihren kram dahin expoertieren zu wollen ohne auf augenhöhe zu begegnen. es gibt soviel beispiele dafür, aber darauf habe ich gar keinen bock hier einzugehen.
    leute wenn ihr mit zwei, drei P.O.C gesprochen oder von denen was gelesen habt, habt ihr ncoh lange keinen überblick über die feministsichen bewegungen zu denen sie sich zugehörig fühlen oder von denen sie sich abgrenzen.

    Rassismus kann in der BRD schlecht ausserhalb des Diskurses hier gesehen werden und sollte es wie ich finde auch nicht.

    bin gespannt, ob das hier überhaupt jemanden interessiert aber es würde mich freuen, wenn mehr menschen darüber nachdenken!

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