verstecken gilt nicht

Passend zum morgigen CSD Nordwest unter dem Motto »Achtung! Bildung gefährdet Ihre Homophobie« (12 Uhr/Rosenstraße) findet sich im Netz jetzt der Artikel »Eine kleine Geschichte der Lesben- und Schwulenbewegung in Oldenburg«, geschrieben von Inga Wolter.

An dieser Stelle gibt es als Leseprobe nun das Kapitel »KÜSSE FÜR ALLE? VON WEGEN!« über die Jagd auf Lesben und Schwule in Oldenburg: »Eine Welle der Homosexuellen-Hetze schwappte Ende der 80er-/Anfang der 90er-Jahre auch nach Oldenburg über. Es mehrten sich Berichte und Gerüchte von Überfällen auf Lesben und Schwule in Parks und auf dem Heimweg von Homosexuellen-Treffs. „Die Mehrheit tuckt unbehelligt durch die Stadt“ ist in „Rosige Zeiten“ nachzulesen. Aber Einzelnen ging es an den Kragen. Lebensgefährlich verletzt wurde ein 15-jähriger Junge 1990 bei einem Überfall auf der Nadorster Straße. Ein 32-Jähriger hatte ihn und seinen 16-jährigen Freund mehrmals als „schwule, perverse Säue“ beschimpft. Dem 15-Jährigen schlug er mit der Faust ins Gesicht und stach mit einem Taschenmesser zu. Passanten beobachteten den Vorfall. Niemand aber half dem schwer verletzten Jungen und seinem Freund.

„Das Schwulenklatschen war damals in“, berichtet Hermann Neemann. Im Cäcilienpark trafen sich Männer zum „Klappensex“. Das war bekannt und bot eine offene Angriffsfläche für gewaltbereite Schwulenhasser, ausgerüstet mit Baseballschlägern oder Schlagstöcken. Doch die Szene reagierte: Im März 1993 gründete sich aus verschiedenen Oldenburger Schwulengruppen das Bündnis „Gewalt gegen Schwule? Nicht mit uns!“.

Beteiligt waren das Schwulenreferat im ASTA der Universität, „Na Und“, Aids-Hilfe, Männerfabrik und das „Zwitscherstübchen“. Das Bündnis richtete ein Notfall-Telefon ein, ließ sich von Polizei und einer Psychologin beraten und organisierte einen Selbstverteidigungskurs. Eine Patrouille, um die Parkgegend abzusichern, war in Planung.

Im März 1997 trat eine Gruppe von jungen Männern am Cäcilienpark auf einen Schwulen ein. Sie beschimpfen ihn mit „Du schwule Sau“, die Tritte wurden heftiger. Als er verletzt am Boden lag, hielt niemand an, um ihm zu helfen. Vor seinem Haus lauerten seine Peiniger ihm noch einmal auf und schlugen auf ihn ein. Er erlitt eine Nasenbeinfraktur und musste operiert werden.

Auch im Februar 1999 kam es nach der Frauendisco vor dem Alhambra zu einem Überfall. Fünf Männer aus dem rechtsradikalen Umfeld schlugen diesmal zwei Frauen zusammen. In der Notaufnahme des Krankenhauses hieß es: „Alles nicht so schlimm.“ (Rosige Zeiten) Ein Augenarzt diagnostizierte aber vier Risse in der Pupille und einen Knochenbruch unter dem Auge. Wegen der Gefahr bleibender Sehstörungen wurde die eine Frau operiert. Ganz klar war hier nicht, ob der Überfall ein Schlag gegen lesbische Frauen oder die linke Szene sein sollte.

Im Cäcilienpark zückten im gleichen Jahr zwei Männer ihre Messer, als ein Schwuler nicht auf die Avancen ihrer Freundin einging. Sie behaupteten, er habe die Frau beleidigt. Die Männer verfolgten ihr potentielles Opfer, das hatte jedoch Glück: Die Polizei war in der Nähe und nahm die Angreifer fest.

„Es gab damals eine berechtigte Empörung über die Übergriffe“, sagt Neemann. Auch aus dem Umfeld des Vereins fielen Männer den Angreifern zum Opfer. Nach einiger Zeit flaute die Welle der Gewalt ab. „Auch weil die Parks längst kein Thema mehr sind.“ Internetportale bieten heute verlässlichere Verabredungsmöglichkeiten zu schnellem Sex.

Oldenburgs Schwule und Lesben wehrten sich allerdings auch aktiv gegen Diskriminierung. Und zwar völlig gewaltfrei.

So erteilte ein Oldenburger Steh-Café 1990 zwei Lesben, die dort öffentlich Zärtlichkeiten ausgetauscht hatten, ein Hausverbot wegen Schmusens und Küssens. Daraufhin organisierten rund 20 Lesben das „1. Oldenburger Kiss in“, ein öffentliches Küssen in dem Café.

„Die Resonanz war im großen und ganzen recht positiv“, ist in „Rosige Zeiten“ nachzulesen. Die Verkäuferinnen riefen jedoch die Polizei. Die gab grünes Licht für die Aktion. „Und geküsst werden durfte bis in alle Ewigkeit bzw. bis Ladenschluss“, heißt es in in der Zeitschrift.

Ähnliches passierte am Gründonnerstag 1993 in einer Oldenburger Disco. Zwei Männer küssten sich und zogen damit den Zorn der Besitzer auf sich. Als sie nicht aufhörten, wollten die Betreiber die verliebten Männer vor die Tür setzen. Doch solidarisierten sich andere Schwule, aber auch Heterosexuelle mit den beiden, sodass die Besitzer sie schließlich in Ruhe ließen. Als die Eigentümer sich aber auch im Nachhinein und auf einen Brief des Schwulenreferates im Asta nicht entschuldigen wollten, folgte in der Disco das „2. Oldenburger Kiss in“. 30 lesbische und schwule Paare knutschten los. Man ließ sie gewähren.«


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