es ist egal

»Wenn er alt sei und im Schaukelstuhl sitze, dann möchte er sich an diesen WM-Titel erinnern – erzählte Bundestrainer Jogi Löw im Fernsehen nach dem gewonnenen Finale. Zwischen den deutschen Medien und Löw liegen Welten. Die predigen die nationale Erweckung und er redet vom Schaukelstuhl. »Tja, ja, so ein Titel ist natürlich immer eine schöne Sache«, hatte Löw auf Nachfrage nach dem Sieg im Viertelfinale gegen Frankreich erklärt. Mehr nicht. Da konnten seine Spieler am Sonntag abend noch so sehr »Wahnsinn, Wahnsinn« schreien. Es war sehr anstrengend gewesen gegen Argentinien. Aber nicht nur: Christoph Kramer grüßte danach seine Oma zum Geburtstag. Da war er wieder, der Schaukelstuhl. Und Bastian Schweinsteiger grüßte Uli Hoeneß im Gefängnis. Er siezt ihn, denn Hoeneß war sein Chef. Da war er wieder, der FC Bayern. Fußball als Unterhaltungsindustrie, in der mit Unsummen hantiert wird.

Die WM 2014 war die teuerste aller Zeiten. Sie hat den Ausrichter Brasilien acht Milliarden Euro gekostet. Auf Wunsch der FIFA, einem Weltkonzern, der nur ein einziges Produkt vertreibt und das heißt Fußball-WM. Wer genug Geld zahlt, darf sogar in der Wüste eine WM veranstalten. Auch wenn Sklaven die Stadien bauen müssen. Der FIFA ist das egal. Brasilien hat jetzt nagelneue Stadien, in die kaum jemand gehen wird, weil die Vereine in der zweiten oder dritten Liga spielen. Dafür wurden erst Stadtviertel eingerissen, und dann wurden Proteste unterdrückt. In den Fernsehbildern, die die FIFA während der WM lieferte, war davon nichts mitzubekommen. Aber man konnte eine brasilianische Nationalmannschaft sehen, die diese Widersprüche nicht kitten konnte. Sie hatte keinen Plan, nur Gebete. Schließlich erlitt sie im Halbfinale gegen die Deutschen einen kollektiven Nervenzusammenbruch.
Ihre 1:7-Niederlage war surreal und historisch. Die DFB-Spieler waren perplex. Sie umarmten und trösteten die Brasilianer. Kein Triumphgeheul, das war ein neuer Stil. Neu war auch, daß die Frauen und Kinder der deutschen Spieler nach dem Finale auf dem Rasen herumwuselten wie bei einem Wochenendausflug. Es wurde nicht mehr martialisch rumgebrüllt, es wurden Handyfotos geschossen. Rumgebrüllt hatte nur der ARD-Reporter Tom Bartels. Auf der Suche nach der Emotion, nach dem deutschen »Wir«, von dem auch fast alle anderen Medien träumen. Vom Verschwinden in der aggressiven Masse. Von einem »Wir« kann aber nur der DFB sprechen, dessen erste Mannschaft tatsächlich ein gutes Turnier gespielt hat. Viele Menschen wissen das. Während der WM gab es viel weniger Fahnen auf Autos und Balkons als erwartet. Was soll man sich dafür kaufen, daß eine WM gewonnen wurde – wenn man zufällig kein Nationalspieler ist? Etwa eine Deutschlandfahne?
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