Archiv für November 2013

männergewalt

Mehr als 600 Frauen in Oldenburg wurden im letzten Jahr Opfer von Männergewalt – 464 Betroffene wandten sich an die Polizei, 92 suchten Schutz im Autonomen Frauenhaus und etwa 40 weitere vertrauten sich einer anonymen Beratung an. Und das sind freilich nur die offiziellen Zahlen. Die Dunkelziffer häuslicher Gewalt liegt bekanntlich deutlich höher. Um ein Zeichen gegen diese patriarchale Normalität zu setzen, gibt es am Sonnabend, dem 23. November, um 12.15 Uhr am Lefferseck eine Parade durch die Innenstadt. Anlaß ist der Internationale Tag »Nein zu Gewalt an Frauen« am 25. November.

einmal palästina und zurück

Am Mittwoch, dem 27. November um 19.30 Uhr liest Karl Pfeifer im Schlauen Haus (Schloßplatz 16) aus seiner Biographie »`Einmal Palästina und zurück`- Ein jüdischer Lebensweg«. In der Ankündigung der Gruppe »Sachor – für eine geschichtsbewußte Pädagogik nach Auschwitz« heißt es: »Karl Pfeifer, ein heute 85jähriger jüdischer Journalist, überlebte den Holocaust durch eine Flucht in das britische Mandatsgebiet Palästina. In seiner Biographie berichtet Pfeifer über seine Kindheit in Österreich, seine Flucht vor den Nazis als Jugendlicher durch Europa und über das Leben im sich gründenden Israel. 1928 in Baden bei Wien geboren, war er bereits in Kindheitstagen dem Antisemitismus ausgesetzt. So erinnert er sich noch, „wie ich einmal von vier Hitlerjungen gewürgt und an einen Zaun gedrängt wurde. ‚Saujud, sag Heil Hitler!‘ Ich weigerte mich“. Schließlich sah sich die Familie gezwungen, 1938 nach Ungarn zu fliehen. Aber auch dort fühlte sich Pfeifer auf Grund von Beschimpfungen und Ausgrenzung als „Saujud“ nicht heimisch und trat der zionistischen Jugendorganisation Haschomer Hatzair bei. Dieser politische Aktionismus war gar nicht im Sinne seiner Eltern, die sich eher als bürgerliche, jüdische Familie betrachteten und darauf hofften, dass alles irgendwie vorbeigehen würde. „Wenn ich das akzeptiert hätte, wäre mein Leben mit großer Sicherheit in einer Gaskammer in Auschwitz-Birkenau beendet worden“…«

die heiligen steine des vaterlandes

Am kommenden Mittwoch, dem Buß- und Bettag, ab 14 Uhr veranstaltet die Evangelische Militärseelsorge in der Lamberti-Kirche ein patriotisches Zeremoniel der besonderen Art für die SoldatInnen Oldenburger Luftlandebrigade 31. »Im Gottesdienst soll noch einmal den gefallenen und verletzten Soldaten gedacht und für den Frieden in Afghanistan und in der Welt gebetet werden. Dabei werden Kerzen auf zwei Gedenksteinen entzündet werden, die aus dem Haus der Stille aus Feyzabad (Afghanistan) stammen«, weiß die NWZ zu berichten. Reliquiengestützte HeldInnenverehrung statt Sinnfrage oder ethische Bedenken – das hat bei der Kirche Tradition. »Gott mit uns«, nech?

der fall oury jalloh: neue beweise.


☞ Mehr Info`s fin­det ihr hier.

zweierlei maß

Während ein 24 jähriger Delmenhorster, der der linken Szene nahe steht, wegen einer mit etwas Spucke untermalten Beschimpfung eines Polizisten vom Oldenburger Landgericht zu einer Gefängnisstrafe von fünf Monaten verurteilt wurde [Info], wurde eine 19 jähriger Nazi wegen einer Messerattacke auf einen linken Jugendlichen in Barsinghausen (bei Hannover) wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 2000 Euro verurteilt [Info]. Ein Hoch auf die deutsche Justiz…

busfahren wird teurer und teurer

Die Nutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) wird mal wieder teurer: Der VBN erhöht zum Januar 2014 die Preise für das Bus- und Bahnfahren um durchschnittlich 4,6 %. In Oldenburg muss man in Zukunft satte 10 Cent mehr und damit 2,40 € (+ 4,35%) für ein Busticket hinlegen [Info]. Begründet wird die Erhöhung u.a. mit sogenannten Angebotsverbesserungen. »Eine stetig steigende Nachfrage zeigt, dass dieser eingeschlagene Weg richtig ist und von den Fahrgästen akzeptiert wird«, zitiert die NWZ einen VWG-Prokuristen. Das (gerade älteren) Menschen, die sich keinen eigenen PKW leisten können, wohl kaum eine Alternative zum überteuerten Bus bleibt, wird freilich nicht erwähnt. Stattdessen läßt der VBN selbstbewusst verkünden: »Für das kommende Jahr muss mit einer weiteren Steigerung dieser Kosten gerechnet werden«.

namen gegen das vergessen

Wenige Stunden bevor am 10. November weit über 1500 Menschen mit dem traditionellen Erinnerungsgang den Opfern des deutschen Faschismus gedachten [Info], wurde vor dem PFL in der Peterstraße die Gedenkwand zur Erinnerung an die OldenburgerInnen eingeweiht, die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung wurden. »167 Namen ehemaliger jüdischer Mitbürgerinnen und Mitbürger, das Geburtsdatum, der Geburtsort, die letzte Wohnung sowie das Todesdatum beziehungsweise das Datum ihrer Deportation sind auf der Gedenkwand nachzulesen. Auf einem großen Stadtplan sind die letzten Wohnungen besonders gekennzeichnet. Die Gedenkwand bietet Anknüpfungspunkte, die sichtbar und erfahrbar machen, dass jüdisches Leben über Jahrhunderte zu Oldenburg gehörte. Sie setzt kein symbolisches Zeichen, sie lässt keinen Ausweg ins Ungefähre und Abstrakte. Sie listet die Namen aller 167 Ermordeten auf. Die konkreten Lebensgeschichten dieser Opfer werden direkt und unmittelbar mit den Verbrechen der nationalsozialistischen Zeit in Verbindung gesetzt«, schreibt die Stadt über den neuen Gedenkort.

Auch anderen Opfern des Nationalsozialismus in Oldenburg soll nun endlich ihre Identität zurückgegeben werden. In einem anonymen Sammelgrab auf dem Jüdischen Friedhof an der Dedestraße liegen laut neuerer Recherchen des Vareler Historiker Holger Frerichs 47 oder 48 sowjetische Kriegsgefangene sowie acht russische ZivilistInnen. »Wie Augenzeugen dem Autor Günter Heuzeroth in dessen Buch „Unter der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus 1939-1945“ noch Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft berichteten, seien sowjetische Kriegsgefangene, die zuvor in einem nahe gelegenen Betrieb als Zwangsarbeiter schuften mussten, im November 1944 von SA- und SS-Leuten erschlagen und über die Mauer des Jüdischen Friedhofs an der Dedestraße geworfen worden. Dort seien sie in einer Grube verscharrt worden«, berichtet die NWZ. Frerichs hofft, diesen und weiteren vier oder fünf russische NS-Opfern, welche auf dem Neuen Friedhof Osternburg begraben wurden, durch seine Forschung wieder ein Gesicht und einen Namen geben zu können und so ein ehrenvolleres Andenken zu ermöglichen.

sonja ist draußen

Am 12. November verurteilte das Landgericht Frankfurt die inzwischen 80-Jährige Sonja Suder, welche im September 2011 vom französischen Staat an die deutschen Behörden ausgeliefert wurde, wegen mehrerer militanten Aktionen aus den 70-er Jahren zu einer Gefängnisstrafe von 3 Jahren und 6 Monaten. Sie soll nach Meinung des Gerichts als damaliges Mitglied der Stadtguerillagruppe »Revolutionären Zellen« an drei Sprengstoff- und Brandanschläge beteiligt gewesen sein.

Die taz schreibt zu den ihr vorgeworfenen Anschlägen: »Am 22. August 1977 riss eine Bombe ein Loch in die Außenfassade des Firmengebäudes von MAN in Nürnberg. Das Industrieunternehmen betreibe „Beihilfe zur Herstellung südafrikanischer Atombomben“, begründeten die linksterroristischen RZ die Tat. Nur eine Woche später wurde ein Sprengsatz beim Pumpenhersteller Klein, Schanzlin & Becker im rheinland-pfälzischen Frankenthal deponiert, dem die RZ Zulieferungen für Atomkraftwerke vorwarf. Der Anschlag misslang. Hinzu kam noch eine Brandstiftung im Heidelberger Schloss im Mai 1978, ausgegeben als Protest gegen die Abrisspolitik der Stadt. Menschen kamen bei keiner der Taten zu Schaden«. Da ihr die U-Haft und auch eine Haftzeit in Frankreich angerechnet wurden, kam sie nun auf Bewährung frei. »Begrüßt wurde sie von einem fröhlichen Mob von ca. 100 Menschen vor dem Gerichtsgebäude. Sektkorken knallten, es wurde gesungen und gefeiert«, schreibt ein Soli-Bündnis.

antiziganismus & antisemitismus in ungarn

Über »Neofaschismus, Antiziganismus und Antisemitismus in Ungarn heute« referiert der Journalist Karl Pfeifer am Dienstag, 26.11.2013, um 19.30 Uhr in den Räumlichkeiten von IBIS. »2010 ist es Ministerpräsident Viktor Orban bei weniger als 47% Wahlbeteiligung gelungen, 53% der abgegebenen Stimmen zu erreichen, das bedeutet aufgrund des Wahlrechtes eine zwei Drittel Mehrheit im Parlament. Mit dieser „Wahlkabinenrevolution“ gelang es ihm und seinen Anhängern binnen drei Jahren ein fast autoritäres System einzuführen. Orban scheut dabei nicht zurück, einen nationalen Konsens und eine völkische Gemeinschaft zu propagieren. Dabei stellt er implizit das sog. schaffende, nationale Kapital, dem angeblich raffenden, spekulierenden, internationalen Kapital entgegen. Nutznießer sind die Neonazipartei Jobbik und deren paramilitärischen Anhänger, die uniformiert marschieren sowie Nazigruppen, deren bewaffnete Übungen von der Polizei toleriert werden. Seitdem haben tätliche Angriffe auf Roma drastisch zugenommen.«

fanunfreundliches tv-format

Während viele nicht sonderlich Stadion-affine VfB-Fans voller Vorfreude der Live-Übertragung des Regionalliga-Spiels gegen den SV Meppen am nächsten Montag (20.15 Uhr) durch den Sender Sport1 entgegenfiebern, zeigen sich Ultra-Gruppierungen alles andere als begeistert über die dafür vorgenommene Spielverlegung auf einen Montagabend. »Ligaspiele unter der Woche sind (…) für Stadiongänger_innen ein Ärgernis. Wir wissen, dass es in unserer Liga manchmal nicht anders geht. Gerade wenn der Winter den Rahmenspielplan auf den Kopf stellt, sind Spiele unter der Woche fast unumgänglich. Jedoch ist bei dieser Terminansetzung keine höhere Gewalt beteiligt gewesen. Wir haben keine Lust öfter als nötig – und selbst das ist in einer Liga ohne Rasenheizungen schon zu oft – unter der Woche ins Stadion zu pilgern. Damit stehen wir nicht alleine da. (…) Eine authentische Übertragung der 4. Liga am Wochenende, die in diesem Fall auf Grund der Länderspielpause theoretisch denkbar gewesen wäre, hätten wir demgegenüber begrüßt«, schreibt z.B. die Ultra-Gruppe Entourage auf ihrem Blog.

kein frieden mit der imk

»Gegen die In­nen­mi­nis­ter­kon­fe­renz, die vom 4. bis zum 6. De­zember in Os­na­brück statt­fin­den soll, sind viel­fäl­ti­ge Pro­test­ak­tio­nen ge­plant. Unter an­de­rem wird es am 30.​11.​2013 eine bun­des­wei­te De­mons­tra­ti­on in Os­na­brück geben. Im Auf­ruf des Bünd­nis­ses „Kein Frie­den mit der IMK – Für ein selbst­be­stimm­tes Leben“ heißt es unter an­de­rem: „Die „in­ne­re Si­cher­heit“ geht uns alle an und die Be­schlüs­se, die auf der IMK ge­fasst wer­den, sind Re­sul­ta­te von Ge­dan­ken­gän­gen, die nie­mals un­se­re sein wer­den. Weder in der Flücht­lings­po­li­tik noch in der Ex­tre­mis­mus­theo­rie, der Über­wa­chung oder der Re­pres­si­on gegen po­li­ti­sche Geg­ner_in­nen und Fuß­ball­fans.“

Am Don­ners­tag, 21.​11.​2013 wer­den Ver­tre­ter_in­nen der Kam­pa­gne im Al­ham­bra zu Gast sein und in einer In­for­ma­ti­ons-​ und Mo­bi­li­sie­rungs­ver­an­stal­tung über den Stand der Dinge be­rich­ten. Die Ver­an­stal­tung be­ginnt um 20.​00 Uhr.« [Quelle]

deportation cast

Ab morgen, dem 13. November gibt es in der Exerzierhalle das Theaterstück »Deportation Cast« von Björn Bicker zu sehen. In der Ankündigung heißt es: »Irgendwo im kriegsversehrten Kosovo: Nachdem ihre Duldung in Deutschland von einem auf den anderen Tag beendet wurde, findet sich eine ganze Familie plötzlich in einem Land wieder, das ihr fremd ist. Die Kinder Elvira und Egzon waren bei der Flucht vor Jahren zu klein, um hier auch nur die Sprache zu verstehen. Ohne Arbeit, Wohnung und Geld, umgeben von noch immer schwelendem Hass und Gewalt, gerät jeder Tag zum Überlebenskampf. In Deutschland, das von diesen Szenen Lichtjahre entfernt scheint, denkt ein Junge an seine Freundin. Bruno ist verliebt in Elvira und vermisst sie schmerzlich, seit sie über Nacht mit ihrer Familie abgeschoben wurde. Aufgerüttelt durch dieses schockierende Erlebnis ist er nicht mehr bereit, die Zufälligkeit seiner eigenen, privilegierten Situation hinzunehmen und beginnt Fragen zu stellen: Wie rechtfertigt zum Beispiel sein eigener Vater die Flüge für die Abschiebebehörde, mit denen er als Pilot Geld verdient? Geschickt flicht Björn Bicker in die Geschichten der beiden voneinander getrennten Liebenden einen ganzen Chor der Rechtfertigungen. »Das ist spannender, als sich mit dem Austausch defekter Heizungen zu beschäftigen«, fasst die Sachbearbeiterin einer Abschiebebehörde die grausame Banalität ihrer Arbeit zusammen. Der Arzt, die Beobachterin, der Anwalt, die Sachbearbeiterin – kurz, der ganze Deportation Cast – sie alle verstehen ihre Rolle im System der Abschiebungen als eine rein funktionale. Das Stück wirft die Frage nach der Verantwortung jedes Einzelnen auf, ohne dabei moralisierend oder anklagend zu werden«. Die übrigen Termine des ab 14 Jahren freigegebenen Stücks findet ihr hier.

♫ the future is still unwritten

braune schmierfinken

Seit einigen Wochen zieht eine zwei-/drei-köpfige Nazibande Parolen sprühend und Sticker klebend durch Oldenburg. Betroffen sind vor allem die Stadtteile Osternburg und Kreyenbrück. Auch am letzten Wochenende – wohl zum Jahrestag der Reichspogromnacht – war die Bande wieder unterwegs: In Osternburg sprühten sie an der Schulstraße, dem Sandweg und der Nordstraße mehrere Hakenkreuze und verklebten Aufkleber.


Hakenkreuz-Schmiererei in Osternburg: vorher/nachher

Im Bahnhofsviertel direkt gegenüber des Einganges des Lokalsenders oeins sprühten sie den Schriftzug »Medien Lügen« und brachten ebenfalls diverse Aufkleber an. »Das beeindruckt uns nicht und wird uns weder davon abhalten, auch künftig gemeinsame Projekte mit Oldenburger Schulen zum Erinnerungsgang zu machen noch weiter kritisch zu Nazi-Umtrieben zu berichten«, kommentierte Ulli Bernstorf vom oeins radio die braune Schmiererei. Bei der nun wirklich überschaubaren Größe der Oldenburger Naziszene sind die Verantwortlichen wohl nicht wirklich schwer zu erraten.

23% mietsteigerung

Laut einer Untersuchung des Online-Portals »Immowelt« über die Mietpreisentwicklung in den größten norddeutschen Städten hat es in Oldenburg innerhalb der letzten fünf Jahre eine 23-prozentige Mietpreissteigerung gegeben. Während der Quadratmeterpreis in Oldenburg 2008 noch durchschnittlichbei 6,00 Euro lag, muss man heute schon üppige 7,40 Euro hinlegen.