»ein gezielter anschlag
auf das jüdische leben in oldenburg«

Nachdem sich schon am Montag an die 200 OldenburgerInnen mit einer Mahnwache vor dem geschändeten Jüdischen Friedhof mit der Jüdischen Gemeinde solidarisierten, versammelten sich am gestrigen Dienstag etwa 250 Leute zu einer antifaschistischen Stadtteildemonstration gegen den antisemitischen Anschlag vom Wochenende.

Hier nun einer der beiden Redebeiträge von der Abschlusskundgebung: »Fast auf den Tag genau vor zwei Jahren standen wir schon einmal hier – und der Anlass ist leider der gleiche: Mal wieder wurde der Jüdische Friedhof in Osternburg von FaschistInnen angegriffen. Diesmal wurden acht Grabsteine und die Trauerhalle mit Hakenkreuzen beschmiert, 2011 mehrere Gräber durch Farbbeutelwürfe geschändet. „Das war ein gezielter Anschlag auf das jüdische Leben in Oldenburg. Solch ein Ereignis zeigt einfach, wie aktuell die Bedrohung von Juden in Deutschland immer noch ist“, konstatierte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Oldenburg.
Bei den TäterInnen handelt es sich in beiden Fällen um Mitglieder der organisierten Naziszene aus dem Dunstkreis der faschistischen NPD. Sie ist bekanntlich seit September 2011 mit einem Sitz im Stadtrat vertreten und kann nunmehr auch im kommunalen Parlament ihre Hetze verbreiten. Auf ihren Wahlerfolg folgte der erste Anschlag, der jetzige war inspiriert durch einen antisemitischen Hetzartikel der NPD gegen den Oldenburger Erinnerungsgang.Über 700 OldenburgerInnen wählten 2011 die NSDAP-Nachfolgepartei. Über 700 OldenburgerInnen wählten also eine Ideologie, deren logische Konsequenz sich mit einem Wort auf den Punkt bringen lässt: Auschwitz. Doch diese 700 OldenburgerInnen sind leider auch nur die Spitze des Eisberges. Fast 70 Jahre nach dem mit deutscher Gründlichkeit organisierten industriellen Massenmord sind antisemitische Ideologien noch immer fest in der bundesrepublikanischen Mehrheitsgesellschaft verankert. „Die Juden setzen die Welt in Brand“, „die Juden kontrollieren die Presse“, „die Juden haben das Geld“, „die Juden spielen die Opferkarte aus“. Blablabla! Noch nie gehört?
Antisemitismus, Rassismus, Homophobie, Sexismus und all die anderen Widerlichkeiten verschwinden weder dadurch, dass Deutschland sich nun geläutert gibt, noch dadurch dass Oldenburg sich selbst zur toleranten Stadt erklärt. Nicht dadurch, nach jedem neuen Nazimord, nach jedem neuen Anschlag tief betroffen aber tatenlos vom „Aufstand der Anständigen“ zu faseln. Das Übel an den Wurzeln zu packen heißt, Partei zu ergreifen. Heißt, die Stimme gegen jede menschenverachtende Hetze zu erheben. Heißt, sich vor den Nachbarn und die Nachbarin zu stellen, wenn der deutsche Mob, oder auch die bundesdeutschen Behörden, ihnen das Recht auf Leben, oder auch das Recht Hier zu leben, absprechen wollen. Heißt, für ein menschenwürdiges Leben für alle zu kämpfen. Kurz gesagt: Es geht um den Aufbau einer solidarischen Gesellschaft.

Wir dürfen nie wieder zulassen, dass, wie am wohl tragischsten Tag der Oldenburger Stadtgeschichte, dem 10. November 1938, Menschen aus unsere Mitte unter dem Jubel der Bevölkerung von den Schergen des Systems in Richtung Folter, Tod und Vernichtung getrieben werden. Es macht Hoffnung, dass sich in Oldenburg jedes Jahr hunderte Menschen zum Erinnerungsgang an die Opfer des Nationalsozialismus auf die Straße begeben. Es macht Hoffnung, dass sich hier in den letzten Jahren eine Erinnerungskultur entwickelt hat, deren Ziel nicht mehr die Abwehr der deutschen Schuld, sondern das würdige Gedenken an die bisher namenlosen Opfer ist. Es macht Hoffnung, dass hier immer wieder so viele Menschen bereit sind, sich trotz polizeilicher Repressalien den FaschistInnen oder der Abschiebemaschinerie entgegenzustellen. Und vor allem macht es Hoffnung, dass inzwischen durch die Jüdische Gemeinde, den Freundeskreis der Sinti und Roma, LesBiSchwule Initiativen, den Gedenkkreis Wehnen oder Flüchtlingsgruppen diejenigen eine unüberhörbare Stimme haben, die in unserer Gesellschaft noch immer als die Anderen, die Unnormalen, die Schmarotzer gesehen werden. Euch gilt unsere Solidarität. Macht weiter! Ihr seid nicht allein!

Natürlich gilt es zuerst, dem braunen Mob endlich Einhalt zu gebieten, sie bei ihrem Namen zu nennen und sie mit den Konsequenzen ihres Tuns zu konfrontieren. Denn sie sind diejenigen, die unsere NachbarInnen in Lager stecken wollen, die ihnen ganz konkret nach dem Leben trachten. Wenn FaschistInnen angreifen, müssen wir dafür sorgen, dass sie es nie wieder tun. Nicht erst seit der Aufdeckung des NSU, welcher über zehn Jahre lang mit Duldung, oder zumindest aufgrund der Ignoranz der Sicherheitsbehörden mordend durchs Land ziehen konnte, ist klar, dass eine erfolgreiche antifaschistische Praxis von diesem Staat nicht zu erwarten ist. Nehmen wir das Problem selbst in die Hand, schließen wir uns zusammen und bieten wir den Nazis und RassistInnen Paroli. Sei es durch Öffentlichkeitsarbeit, durch das Wachhalten der Erinnerung oder auch ganz direkt in Konfrontationen auf der Straße. Lassen wir ihnen keinen Meter! Für einen konsequenten Antifaschismus!«


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