konzerne und banken schlachten

»Circa 200 Menschen, Beschäftigte und ihre Gewerkschaft NGG, Erwerbslose, Bauern, Maststallgegner und Umweltschützer protestierten am heutigen Freitag Mittag gegen die unhaltbaren Zustände beim VION-Schlachthof in Emstek. Dabei wurde in verschiedenen Redebeiträgen deutlich gemacht, dass die ökologische Frage und die soziale Frage nur zusammen gelöst werden kann und die aktuellen sozialen Verwerfungen, ausgelöst durch die Agenda 2010, zu unhaltbaren Zuständen nicht nur in den Jobcentern, sondern auch in der Arbeitswelt (z. B. Ausbeutung durch Werkverträge) geführt haben und es so nicht weiter gehen darf.« [Quelle]

Hier nun noch der Redebeitrag der ALSO vorm VION-Schlachthof in Emstek am 11. Januar 2013: »Liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Freundinnen und Freunde, wisst Ihr, was wütend macht? Wenn dich dein Kind fragt, warum es nicht auch zur Musikschule gehen kann oder zum Reitunterricht. Wenn du dich entscheiden musst, ob du mit Freunden ins Kino gehst oder ein Geburtstagsgeschenk für jemanden kaufst. Wenn du bis vors Gericht ziehen musst, damit das Jobcenter die Klassenfahrt für Dein Kind bewilligt. Wenn du auf die 3,48 Euro in Deiner Hand starrst, von denen du das gesamte Essen und Trinken für einen ganzen Tag für deinen 13-jähriges Kind bezahlen sollst. Das macht wütend!
Die Familie von gegenüber ist auch manchmal wütend. Aber das liegt daran, dass sie Angst haben: Angst vorm sozialen Abstieg, Angst vor Arbeitslosigkeit und Angst vor Hartz IV. Dabei sehe ich ihren Gelände-Zweitwagen schon jetzt oft vorm Aldi. Aber es läuft zur Zeit ja wieder gut, Deutschland exportiert. Sie würden allerdings auch Überstunden machen, noch mehr Arbeit mit nach Hause nehmen und auf Sonderzahlungen und Gehalt verzichten, um bloß nicht abeitslos zu werden.
Wir haben auch Angst vor Hartz IV – aus eigener Erfahrung. Deshalb arbeitet auch fast die Hälfte aller Hartz IV-Bezieher, oft für miese Löhne und unter übelsten Bedingungen. Das scheint oft noch besser als die entwürdigende Behandlung in den Ämtern und die gesellschaftliche Ächtung. Aufstockendes Hartz IV müssen sie trotzdem noch beantragen. Aber wir können uns immer noch besser fühlen als die rumänischen, bulgarischen, polnischen und südeuropäischen Arbeiter, die noch weniger verdienen und unter noch übleren Bedingungen arbeiten und hausen müssen. Und die südeuropäischen Arbeiter können sich immer noch besser fühlen als die Flüchtlinge aus der Dritten Welt, die gar nicht arbeiten dürfen, in Sammelunterkünften kaserniert werden und Sachleistungen statt Geld erhalten. Ein System der Angst? Ein System der Abgrenzung nach unten? Ein System von rassistischen Vorurteilen?
Hand aufs Herz: Wenn wir eine deutliche Erhöhung der Hartz IV-Regelsätze fordern, z. B. um uns gesünder und fairer ernähren zu können – wer von Euch denkt dann nicht: Ihr arbeitet nicht und wollt mehr von dem Geld, für das wir hart arbeiten müssen? Geht doch auch arbeiten, es gibt doch kaum noch Arbeitslosigkeit in Deutschland. Glaubt jemand ernsthaft, Deutschland ist die Insel der Glückseligen? Glaubt jemand, dass Wirtschaftswachstum und sinkende Arbeitslosenzahlen etwas mit deutschem Fleiß und deutscher Pünktlichkeit zu tun haben?
Die Arbeitslosigkeit in den EU-Ländern ist auf Rekordhöhe. 18,8 Millionen Menschen sind ohne Arbeit, 19 Prozent im Süden, 11 Prozent im Norden Europas. In Griechenland und Spanien sind mehr als 25 Prozent ohne Arbeit und inzwischen fast 60 Prozent aller Jugendlichen. Europa wird gespalten. Ein unterbewerteter Euro, Arbeitsverdichtung und ein wachsender Billiglohnsektor ermöglichen deutsche Export-Rekorde. Wir sind Krisengewinnler. Wir spalten Europa. So funktioniert unser Aufschwung.
Aber auch in Deutschland nur irgendeine Arbeit zu haben, hilft nicht weiter. Die neuen Arbeitsplätze sind überwiegend im Niedriglohnbereich entstanden. Wenn wir alle zusammenrechnen, deren Einkommen auf Hartz IV-Höhe oder nur knapp darüber liegt, dann sind das in Deutschland fast 25 Millionen Menschen. 25 Millionen Menschen, die ihre Lebensmittel vor allem bei Discountern einkaufen müssen. Das ist die erzwungene Nachfrage z. B. nach billigem Fleisch, die solchen Ausbeuterkonzernen wie VION als Rechtfertigung dient für ihr Lohndumping, die zur Auslagerung, Überwachung und Verdichtung der Arbeit bei Lidl, Aldi, Edeka und Netto führt und gewerkschaftliches Engagement verhindert. Der gesellschaftliche Reichtum, der sich in der Produktion von 20 Prozent mehr Schweinefleisch ausdrückt, als wir hier verbrauchen, ist ein überflüssiger Reichtum, der schädlich ist für Mensch und Natur. Wir essen schon heute viel mehr Fleisch, als gesund ist.
Wir sind eine gewaltfreie Erwerbsloseninitiative. Aber wenn ich höre, wie die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz Massentierhaltung und zerstörerischen Agrarexport mit Millionen subventioniert, aber uns zu gesunder Ernährung und mehr Bewegung auffordert, wenn ich höre, wie die Bundesarbeitsministerin falsch lächelnd Familienfreundlichkeit predigt, aber Hartz IV Kindern Mangelernährung verordnet und Bildung verweigert, ja, dann gebe ich zu, dass mir die Vorstellung irgendwie Genugtuung bereitet, ihnen eins der hier frischgeschlachteten Schweinekoteletts links und rechts um die Ohren zu hauen.
Ein menschenwürdiges Mindesteinkommen für alle, mit dem faire Preise für ökologisch und regional erzeugte Lebensmittel bezahlt werden können, und faire Löhne und Arbeitsbedingungen bei den Erzeugern, in der Verarbeitung und im Handel – das wäre auch gesellschaftlicher Reichtum. Dieser Reichtum wäre nicht überflüssig und nicht zerstörerisch für Mensch und Natur. Und er wäre ohne weiteres Wachstum und Überproduktion möglich.
Dass heute hier Erwerbslose, Bauern, Gewerkschafter, Umweltinitiativen und Verbraucher zusammen gegen Ausbeutung und Naturzerstörung demonstrieren, ist ein hoffnungsvoller Anfang. Wir lassen uns nicht mehr gegeneinander ausspielen.
Ökologische und soziale Probleme können nur gemeinsam gelöst werden. Ein gutes Leben kann es nur für alle geben! Und das nächste Mal sind wir nicht zweihundert, sondern zweitausend Deutsche, Rumänen, Bulgaren, Spanier und Griechen. Und dann holen wir uns die Schweine-Koteletts – wozu auch immer! Eure ALSO.
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1 Antwort auf “konzerne und banken schlachten”


  1. 1 eli 03. Februar 2013 um 0:29 Uhr

    Video-Beitrag von Reprot Mainz: „Aufstand gegen die Fleischmafia“
    http://www.swr.de/report/-/id=233454/nid=233454/did=10836374/10z0xju/index.html

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