ernesto, presente!

Am 11. März starb der deutsch-jüdisch-uruguyanische Kommunist Ernesto Ernst Kroch im Alter von 95 Jahren. Als Jugendlicher schloss er sich im damaligen Breslau der Kommunistischen Jugend-Opposition an und landete wegen antifaschistischer Aktivitäten 1936/37 im KZ Lichtenberg. Nach seiner Entlassung floh er nach Uruguay und kämpfte dort weiterhin in kommunistischen und gewerkschaftlichen Gruppen. Während des Militärregimes 1973-85 in Uruguay arbeitete er im Untergrund und musste 1981 zurück nach Deutschland fliehen. Nach dem Ende der Militärdiktatur kehrte er zurück und engagierte sich bis zu seinen Tode vor allem in der sozialen Stadtteilarbeit. Der kämpferische Sympath, der trotz aller Tragödien und Zweifel niemals die Hoffnung auf eine befreite Gesellschaft aufgab, eroberte bei mehreren Besuchen in Oldenburg die Herzen der hiesigen Linken. Er wird fehlen.

»Wir hatten das große Glück, Ernesto vor einigen Jahren in Montevideo zu begegnen. Seine Besuche hier in Oldenburg, die Veranstaltungen im Alhambra und beim DGB, aber auch die Besuche in Oldenburger Schulen, waren jeweils sehr beeindruckend. Kurz vor seinem geplanten, erneuten Besuch erreichte uns ein Anruf von Eva, Ernesto war ernsthaft erkrankt und musste alle Termine absagen. Das war vor 7 Monaten. Ernesto hat sich leider nicht wieder erholt, eine Rückkehr nach Uruguay war ausgeschlossen. So lebten er und Eva die letzten Monate in Frankfurt. Vor einer Woche haben wir die beiden dort besucht und konnten Ernesto noch einmal treffen und mit ihm, der schon sehr schwach war, reden. Nun, eine Woche später ist Ernesto gestorben. Er wird morgen auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt beerdigt.
Zitat Ernesto Kroch: „Dass ich nicht unsterblich bin, habe ich inzwischen begriffen. Daran ist nun mal nichts zu ändern. Und das mag gut so sein. Da kommen die Jungen zum Zug. Mit frischen Kräften und Ideen. Dass ich immer älter werde, nehme ich in Kauf, mache mir auch nicht vor, ich hätte die gleiche körperliche und geistige Kapazität wie früher. Doch wenn einem das Leben so viel gegeben hat, bescheidet man sich mit dem Rest. Ich glaube, dass ich nicht ganz umsonst gelebt habe. Etwas von einem bleibt wohl immer. Von mit vielleicht ein Stahlgerüst, das mit der Zeit gewiss verrostet, vorher aber seinen Dienst für diese oder jene nützliche Produktion geleistet haben wird. Oder ein paar Worte, die Widerhall bei diesem oder jenem gefunden haben und über andere weiter wirken…. . Trotzdem werde ich gewiss ein wenig strampeln, wenn es soweit ist. Und wenn mir überhaupt noch Zeit dazu bleibt. Aber auch beim schönsten Schauspiel gilt: Einmal muss der Vorhang fallen. Also auch für mich. Doch das Welttheater hört darum nicht auf. Das ist beruhigend, aber zugleich spüre ich dabei doch so etwas wie einen wehmütigen Neid: Es geht auch ohne mich weiter.“ Mach`s gut, Ernesto!
« (anna + arthur)


5 Antworten auf “ernesto, presente!”


  1. 1 anna + arthur 12. März 2012 um 19:36 Uhr

    Wir hatten das große Glück, Ernesto vor einigen Jahren in Montevideo zu begegnen. Seine Besuche hier in Oldenburg, die Veranstaltungen im Alhambra und beim DGB, aber auch die Besuche in Oldenburger Schulen, waren jeweils sehr beeindruckend. Kurz vor seinem geplanten, erneuten Besuch erreichte uns ein Anruf von Eva, Ernesto war ernsthaft erkrankt und musste alle Termine absagen. Das war vor 7 Monaten. Ernesto hat sich leider nicht wieder erholt, eine Rückkehr nach Uruguay war ausgeschlossen. So lebten er und Eva die letzten Monate in Frankfurt. Vor einer Woche haben wir die beiden dort besucht und konnten Ernesto noch einmal treffen und mit ihm, der schon sehr schwach war, reden. Nun, eine Woche später ist Ernesto gestorben. Er wird morgen auf dem jüdischen Friedhof in Frankfurt beerdigt.
    Zitat Ernesto Kroch: „Dass ich nicht unsterblich bin, habe ich inzwischen begriffen. Daran ist nun mal nichts zu ändern. Und das mag gut so sein. Da kommen die Jungen zum Zug. Mit frischen Kräften und Ideen. Dass ich immer älter werde, nehme ich in Kauf, mache mir auch nicht vor, ich hätte die gleiche körperliche und geistige Kapazität wie früher. Doch wenn einem das Leben so viel gegeben hat, bescheidet man sich mit dem Rest. Ich glaube, dass ich nicht ganz umsonst gelebt habe. Etwas von einem bleibt wohl immer. Von mit vielleicht ein Stahlgerüst, das mit der Zeit gewiss verrostet, vorher aber seinen Dienst für diese oder jene nützliche Produktion geleistet haben wird. Oder ein paar Worte, die Widerhall bei diesem oder jenem gefunden haben und über andere weiter wirken…. . Trotzdem werde ich gewiss ein wenig strampeln, wenn es soweit ist. Und wenn mir überhaupt noch Zeit dazu bleibt. Aber auch beim schönsten Schauspiel gilt: Einmal muss der Vorhang fallen. Also auch für mich. Doch das Welttheater hört darum nicht auf. Das ist beruhigend, aber zugleich spüre ich dabei doch so etwas wie einen wehmütigen Neid: Es geht auch ohne mich weiter.“
    Mach`s gut, Ernesto!

  2. 2 Klonk 12. März 2012 um 20:15 Uhr

    Öhm – was ist denn bitte „deutsch-​jü­disch-​uru­gu­ya­ni­sche“ für eine Aufzählung? Ist das jetzt eine Unachtsamkeit oder wird da mal wieder das Judentum nicht als Religion sondern als abstraktes Staatsähnliches „Wesen“ betrachtet?

    Ts…

  3. 3 Administrator 12. März 2012 um 20:36 Uhr

    @ Klonk:

    Da geht es eher um seine Selbstwahrnehmung.

  4. 4 danke... 15. März 2012 um 12:00 Uhr

    …für die nachricht. hätte ich wohl sonst nicht erfahren. ich habe ernesto und eva auch im alhambra erlebt und die begegnung hat noch lange nachgewirkt und so haben wohl einige ernesto in erinnerung behalten, als einen, der bis zuletzt für eine bessere welt gelebt hat und dabei mitten im leben geblieben ist, als aktivist im stadtteil und in den aktuellen politischen diskussionen.
    meine gedanken gelten diesem besonderen menschen und der wunderbaren eva, für die der verlust nach soviel geteiltem leben und kampf schwer sein muss.

    @Klonk: auch die schärfste ideologiekritik sollte wissen, wann ihre „anmerkungen“ einfach nicht angebracht sind..

  1. 1 Neue alte linke Archivalien « Entdinglichung Pingback am 13. März 2012 um 10:54 Uhr

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