Archiv für September 2011

der reaktionärste teil der union

Am 24. September versammelten sich über 1000 CDU-Mitglieder der Landesverbände Bremen und Niedersachsen für eine Regionalkonferenz in der Oldenburger Weser-Ems-Halle. Mit bundesweit insgesamt sechs Regionalkonferenzen versuchte die Parteiführung in Gestalt der Bundeskanzlerin und CDU-Vorsitzenden Angela Merkel die Parteibasis auf ihre Politik einzuschwören. Während sie bei dem Großteil der anwesenden Konservativen erwartungsgemäß ein Heimspiel hatte, erhielt sie vom reaktionärsten Teil der ChristdemokratInnen Gegenwind. Unter ihrer Parteiführung habe die Union ihr »klares konservatives Profil« aufgegeben und angeblich sogar einen »Linkstrend« eingeleitet. Kreativer Weise nennt sich dieser Parteiflügel dann auch Aktion »Linkstrend stoppen« und outet sich mit wenig hübschen orangfarbenen Shirts als Fans einer deutschen Tea-Party-Bewegung und VorkämpferInnen einer »konservativen Revolution«.


Wortmeldung eines »Linkstrend«-Stoppers in der Weser-Ems-Halle
Screenshot: huntesicht.de

In ihrem »Manifest gegen den Linkstrend« stellen sie klar, welches Geistes Kind die parteiinterne Opposition ist. So wettern sie gegen »Geschlechterumerziehung des „Gender Mainstreaming“, Homo-Ehe oder der Gängelung von Unternehmen durch das „Antidiskriminierungsgesetz“«, gegen »eine gescheiterte Multi-Kulti-Integrationspolitik«, gegen »die hunderttausendfache „straffreie“ Kindestötung durch Abtreibung«, gegen die »Gefahr der Islamisierung« und fordern daher »das christliche Erbe zu verteidigen«. Und natürlich sei auch »mehr Einsatz für eine überfällige würdige Erinnerung an die deutschen Opfer der Vertreibung« angesagt. Rassismus, Sexismus, Islamophobie, Revanchismus – kurzgesagt alle Positionen moderner Naziparteien, die in den Medien heutzutage gerne als »RechtspopulistInnen« verharmlost werden. Franz Josef Strauß sagte vor vielen Jahren »Rechts von der CSU darf es keinen Platz geben« – Rechtsradikale in der Union scheinen hingegen auch heutzutage kein Problem darzustellen.

einkaserniert

Wie wohl inzwischen bekannt sein dürfte, soll die Stadt nach der Schließung des Abschiebelagers in Blankenburg etwa 430 Flüchtlinge unterbringen. Voraussichtlich ab Anfang 2012 will die Verwaltung nun 160 AsylbewerberInnen in zwei ehemalige Kasernengebäude nahe der Fliegerhorst-Siedlung Brokhausen zusammenpferchen. Die Siedlung gehört zur Stadt, obwohl sie quasi keine Anbindung an Oldenburg hat und eher als Teil von Ofen, und damit des Ammerlandes, erscheint. In dem Oldenburger Stadtteil gibt es weder eine KiTa, eine Schule, Freizeitzentren, noch vernünftige Einkaufsmöglichkeiten.

Angeblich soll die dortige Unterbringung nur als notwendige Zwischenlösung dienen, bis ausreichend Wohnraum für eine dezentrale Unterbringung gefunden ist. Jedoch darf wohl bestritten werden, dass diese Massenunterbringung trotz der angespannten Wohnraumsituation in Oldenburg alternativlos ist. Vielmehr zeichnete sich die Stadtverwaltung bei der Suche nach dezentralen Unterbringungsmöglichkeiten bisher durch ziemliche Inaktivität aus. Ganz im Gegensatz zu Anderen: Innerhalb dieses Jahres sind bereits hundert Flüchtlinge in normalen Wohnungen untergekommen. Etwa 30 wohnen bei Familienangehörigen, weitere 70 fanden durch das Engagement von Flüchtlingsinitiativen eine Unterkunft [Info]. Eine dezentrale Unterbringung für die nun noch etwa 330 NeuoldenburgerInnen erscheint angesichts dessen eben nicht als unmöglich – eine andere Prioritätensetzung der Verwaltung hätte die Problematik vielleicht schon gelöst.

Doch nun sind die beiden Gebäude schon gekauft und um die 700 000 Euro für Sanierung und Instandsetzung verplant – ein Abrücken der Verwalung von ihrem Plan damit zumindest mittelfristig unwahrscheinlich. Antirassistische Realpolitik muss sich dieser Ausgangslage nun stellen. Wichtigste Aufgabe scheint die Suche nach weiteren Wohnungen zu sein, um als ersten Schritt die Anzahl der dort Einkasernierten so gering wie möglich zu halten. Selbst die SPD forderte schon die Zahl der AsylbewerberInnen in zentraler Unterbringung auf 80 Personen zu begrenzen [Info]. Dies wäre zumindest eine kleine Verbesserung, die den dann dort wohnenden etwas mehr Privatsphäre und Ruhe erlauben würde. Ein weiterer Punkt wäre die Abschaffung des rassistischen Gutscheinsystems. Auch in Oldenburg erhalten AsylbewerberInnen kein Bargeld, sondern Gutscheine, welche nur im Stadtgebiet und auch dort nur bei einigen Geschäften eingelöst werden können. So können die Flüchtlinge, welche in Brokhausen untergebracht werden, die vorhandenen Einkaufsmöglichkeiten z.B. in Ofen momentan nicht nutzen. Auch die Frage der Nutzung von VWG-Bussen ist ebenso wie damals in Blankenburg unbeantwortet. Da Brokhausen etwa 6 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt liegt, ist gerade für Kinder, Alte und Kranke der Bus die einzige Möglichkeit, um am Oldenburger Stadtleben teilzunehmen. Bei den regulären Tarifen ein für AsylbewerberInnen jedoch unbezahlbares Unterfangen.

Bei dem Kampf für eine menschenwürdige Unterbringung treffen antirassistische und Flüchtlingsinitiativen vor Ort übrigens auf nicht ganz gewöhnliche UnterstützerInnen – wie zuletzt bei einem selbsternannten »Interkulturellen Fest« der Stadt vor den künftigen AsylbewerberInnen-Wohnheimen. Eine örtliche Bürgerinitiative macht gegen die geplante Kasernierung mobil – und das mit äußerst sympathischen Parolen. Dass sich unter den AnwohnerInnen auch so einige befinden, denen es dabei eher darum geht, MigrantInnen aus ihrer Nachbarschaft fernzuhalten, anstatt ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, ist wohl ein Fakt. Alles andere würde in Deutschland wohl auch an ein Wunder grenzen. Nichts desto trotz gibt es dort überraschend Viele, die sich offen für die Anliegen der Flüchtlinge zeigen und deren Forderungen als die ihren übernommen haben. Somit gibt es dort durchaus das Potential für eine vernünftige Allianz.

☞ »Bürger wehren sich gegen Asylbewerberheim« NDR, 16.​09.​11
☞ »Ofener hatten keine Lust aufs Fest der Stadt Oldenburg« NWZ, 19.​09.​11
☞ »Of(f)ener und Oldenburger Dialog« Lokalteil, 19.​09.​11
☞ »Leserbriefe: Neues Flüchtlingsheim kein Grund zum Feiern« NWZ, 20.​09.​11
☞ »Stadt sieht Flüchtlingsheime nicht als Dauerlösung« NWZ, 22.​09.​11

gute laune beim brigade-biwak

Etwa 500 Kriegs-Fans »aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft« versammelten sich am 23. September zum traditionellen »Brigade-Biwak« der Oldenburgischen Luftlandebrigade 31 in der Henning-von-Tresckow-Kaserne in Oldenburg-Büm­mer­ste­de. Unter den Gästen von Brigadekommandeur Reinhardt Zudrop war der in diesen Zusammenhängen wohl unvermeidliche Parlamentarischen Staatssekretär im Bundesverteidigungsministerium Thomas Kossendey aus dem Ammerland, sowie die Oldenburger FDP-Kreisvorsitzende Christiane Ratjen-Damerau und der zweite Oldenburger Bürgermeister Bernhard Ellberg von der SPD, welche sich frohlockend vor einem gebastelten Wegweiser Richtung Afghanistan ablichten ließen. Dass die kriegsgeplagte afghanische Bevölkerung und auch die dort für das deutsche Grossmachtsstreben tötenden und sterbenden Bundeswehr-SoldatInnen das ebenso amüsant finden, darf jedoch bestritten werden. Ach ja – wohl aus Angst vor antimilitaristischen Protesten wird der Termin dieses Treffen übrigens – auch schon traditionell – geheim gehalten.


Foto: Faksimile aus der NWZ vom 24.09.11

Und weil es gerade zum Thema passt: Seit dem Start des freiwilligen Wehrdienstes im Juli diesen Jahres haben bereits 22,5 Prozent der 3459 Neulinge ihren Dienst bei der Bundeswehr schon wieder beendet. »Mit der Zahl der Abbrecher kann ich nicht zufrieden sein«, so Verteidigungsminister Thomas de Maizière [Quelle]. Da hat er wohl recht – 22,5 Prozent sind eindeutig zu wenig.

npd-server gehackt

Am 17. September gelang es Internet-AktivistInnen erneut in interne Datenbanken der NPD einzudringen. Mehr als 100.000 E-Mails, insgesamt über drei Gigabyte Datenmaterial, wurden von den Hackern gesichert und verschiedenen Medien zugespielt. Vor allem die NPD-Landesverbände Brandenburg, Thüringen, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg seien laut Spiegel-Online betroffen. Gleichzeitig wurden weit über hundert Internetseiten der Nazipartei lahmgelegt. »Die Kriminellen brachen in einen Anbieterserver ein und stahlen 179 Weltnetzseiten der NPD. Die Schadensbehebung wird eine Zeitlang in Anspruch nehmen, erklärte der IT-Fachmann der NPD. Die Dimension des Verbrechens ist so enorm, daß dieser eine große organisierte Bande als Drahtzieher vermutet«, jammerten die Nazis anschließend. Betroffen ist übrigens auch der Internetauftritt der Oldenburger NPD – ihre menschenverachtende Hetze wurde kurzerhand durch einen kommerziellen Platzhalter ersetzt.

C2CM8F9KR

Vom 26. September bis zum 15. Oktober verwandelt sich (von 18 bis 21 Uhr) das seit über 4 Monaten besetzte Haus Friedensbruch mal wieder in eine Galerie. Denn Kathi Schroth präsentiert unter dem Titel »C2CM8F9KR« dort ihre »Fotoausstellung über Individualreisen als erbärmlich privilegiertes Wohlstandsphänomen oder wahlweise als Versuch ein besserer Mensch in einer immer größeren Welt zu werden«. Den sehr lesenwerten Begleittext zur Ausstellung findet ihr übrigens hier. Selbst die NWZ schien irgendwie beeindruckt und konstatierte, dass mit dieser Ausstellung »die Besetzer des sogenannten Hauses Friedensbruch am Theaterwall 24a ihre Ankündigung verwirklichen, kulturelle Projekte umzusetzen. (…) Außerdem gibt es Kneipenabende (Mittwoch), Lesungen und Konzerte«.

npd schleicht in den stadtrat

Damit hatte wohl wirklich niemand ernsthaft gerechnet: Nach der kompletten Stimmenauszählung der Kommunalwahl stand jedoch fest, dass künftig eine Nazipartei mit einem Sitz im Oldenburger Stadtrat vertreten sein wird. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Läppische 1,14 % reichten aufgrund schlechter Stimmenverteilung und des Berechnungsverfahren nach Hare-Niemeyer, dem sogenanten Proportionalverfahren, für die NPD aus. Nur mal so zum Vergleich: Während z.B. die FDP mit über 5300 Stimmen nur einen Sitz erhielten, bekam die NPD für 2032 Stimmen ebenfalls Einen. Das erscheint noch nicht einmal für AnhängerInnen des Parlamentarismus logisch, ist aber wohl nicht zu ändern. Aber zurück zur NPD: Wie schon erwähnt, erhielten die FaschistInnen mit 2032 Stimmen 1,14 %, was gegenüber der letzten Kommunalwahl 2006 einen Zugewinn von 0,15 % bzw. 457 Stimmen bedeutet. Da mensch bei der Kommunalwahl jeweils drei Stimmen zu vergeben hat, dürften dieses Mal um die 700 OldenburgerInnen (2006: etwa 550) ihre Kreuze bei der NPD gemacht haben, also etwa 150 Leute mehr vor 5 Jahren. Ein Rechtsruck sieht anders aus, auch wenn die Zahl von immerhin 700 NPD-SymphatisantInnen in Oldenburg schon erschreckend ist. Vorallem wenn mensch bedenkt, was z.B. Patrick Gensing bezüglich der Wahl in MVP wohl treffend feststellte: »Die NPD wird nicht von ihrem Anhängern gewählt, obwohl sie eine Nazi-Partei ist, sondern weil es eine Nazi-Partei ist«.

Die »Hochburgen« der NPD
Auch wenn die geringen Zahlen eine fundierte Wahlanalyse kaum zulassen, soll an dieser Stelle nun doch ein solcher Versuch unternommen werden. Fest steht, dass die »Hochburg« der NPD im Wahlbereich V Süd, also in den Stadtteilen Kreyenbrück, Bümmerstede, Tweelbäke und Krusenbusch zu finden ist. Dort erreichte sie überdurchschnittliche 1,86% und damit auch ihren Sitz im Stadtrat. Allerdings bedeutet dies auch nur eine Anzahl von 519 Stimmen (2006: 1,54% bei 383 Stimmen). Teilt man wieder durch die drei Stimmen pro Person, ergibt sich, dass dort vermutlich 180 bis 200 Menschen die NSDAP-Nachfolgepartei bei der Wahl unterstützten. Immerhin ein Viertel aller ihrer Stimmen in den zusammen 6 Wahlbereichen der Stadt. Bei Betrachtung der verschieden Wahllokale des Bereichs lassen sich auch innerhalb dessen Schwerpunkte feststellen: In der Gegend um den Dwaschweg sowie südlich und westlich des Klinikums Kreyenbrück erreichte die NPD um die 3 %, trauriger Spitzenreiter ist das angrenzende Wahllokal 504 rund um die Henning-von-Tresckow-Kaserne in Bümmerstede, wo sie sogar 5,52 % (was allerdings nur 69 Stimmen entspricht) erhielt. Übrigens ein ähnliches, wenn auch etwas höheres Ergebnis wie 2006. Ein Oldenburger Historiker ermittelte damals die NPD-WählerInnenschaft in den Einfamilienhäuser-Gegenden in Kreyenbrück und Bümmerstede, welche sich in direkter Nachbarschaft zu den Blocks des sozialen Wohnungsbaus befinden. Somit würde es sich nach seiner Meinung bei ihnen um das konservative, rassistische Kleinbürgertum handeln, welches sich aus Angst vor Deklassierung dem Faschismus zuwendet – ebenso wie die frühen WählerInnen der NSDAP. Aber wie gesagt sind die Zahlen für eine solche Analyse eigentlich zu gering, aus den Augen verlieren sollte man diese begründete Vermutung jedoch nicht. Ach ja, die Debatte um die Unterbringung von AsylbewerberInnen in einer Massenunterkunft im Stadtteil Brokhausen hat zumindest dort nicht zu einem massiven Stimmenzuwachs der NPD geführt.

Der Nazi-Ratsherr
Künftig will nun also die NPD in Gestalt des am 30. Juli 1947 geborenen Oldenburgers Ulrich Eigenfeld die – wie sie es gerne sagen – »Stimme des Volkes« im Stadtrat vertreten. Der in der Tannenstraße 5 in Oldenburg-Eversten wohnende Eigenfeld ist bereits seit 1969 Mitglied der NPD und ist seit über 25 Jahren in verschiedenen Ämtern hauptberuflich Faschist – finanziert durch die Parteikasse der NPD. Momentan bekleidet der innerparteilich stark umstrittene 64jährige das Amt des Schatzmeisters im Bundesvorstand der Partei. Er gilt innerhalb der NPD als profilloser Biedermann und als Vertreter des rechts-konservativen Flügels, hat aber zumindest in Oldenburg stets die Zusammenarbeit mit der gewaltätigen Naziszene gesucht.

Bei der konstituierenden Ratssitzung am Dienstag, dem 1. November um 18 Uhr in der Weser-Ems-Halle haben AntifaschistInnen nun eine erste Möglichkeit, dem braunen Ratsherrn deutlich die rote Karte zu zeigen. Und die folgenden fünf Jahre gilt es, der NPD keinen Fußbreit kampflos zu überlassen, ihre organisatorische Basis zu beseitigen und natürlich weiterhin entschieden für linke und humanistische Positionen zu streiten. Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen.

vier monate haus friedensbruch

»Heute vor 4 Monaten, an einem sonnigen Samstag, besetzten wir das Haus am Theaterwall 24a zum zweiten Mal. Niemand von uns hat zu diesem Zeitpunkt daran gedacht, dass sich die Dinge so entwickeln werden. Innerhalb der letzten 4 Monate ist viel passiert. Wir haben im Haus renoviert und uns eine Küche gebaut. Die Frontfassade wurde an Stellen, an denen dies nötig war, neu verputzt und komplett neu gestrichen. Im Untergeschoss stehen mittlerweile ein Tresen und mehrere Sofas / Sessel / Bänke. Immer wieder kommen Menschen zu uns, die den geschaffenen Freiraum mit ihren Ideen füllen oder uns Sachspenden vorbei bringen. Für euer Engagement bedanken wir uns ganz herzlich! Besucht uns heute Abend und feiert mit uns das Haus Friedensbruch! Ab 20 Uhr ist die Kneipe geöffnet.«

kommunalwahlgedöns

Am 11. September fand bekanntlich die niedersächsische Kommunalwahl statt. Neben dem ebenso schockierenden wie überraschenden Einzug der NPD mit nur 1,14 % in den Oldenburger Stadtrat [Info], gab es noch einige erwähnenswerte Ergebnisse: Die CDU verlor in Oldenburg über 5 % und erzielte mit nur 20,7 % ihr schlechtestes Ergebnis in ganz Niedersachsen, während die Grünen 6 Prozentpunkte zulegten und mit 27,3 ihr bestes Ergebnis in Niedersachsen erreichten. Auch die Linkspartei, welche knapp ein Prozent einbüßte, holte mit 6,1 % niedersachsenweit ihr höchstes Ergebnis in der Stadt Oldenburg. Die FDP verlor mehr als die Hälfte ihrer Stimmen und ist künftig nur noch mit einem Sitz im Rat vertreten. Ebenfalls im neuen Rat vertreten ist die Piratenpartei, welche mit 2,8 % einen Sitz erlangte. Ebenso vertreten sind die FW-BFO mit zwei, sowie die WFO mit einen Sitz. Stärkste Fraktion bleibt die SPD mit 17 Sitzen, welche kleine Zugewinne zu verzeichnen hatte. Die Wahlbeteiligung stieg um 3 % auf nunmehr 47,41 %, wobei 854 OldenburgerInnen ungültig wählten. [Quelle]

residenzpflicht kippt

Die niedersächsische Landesregierung hat auf Drängen der FDP beschlossen, die schikanöse »Residenzpflicht« für AsylbewerberInnen innerhalb des Landes aufzuheben. Bisher durften sich die Betroffenen nur in dem Landkreis aufhalten, in dem die für sie zuständige Ausländerbehörde ansässig war, wobei Niedersachsen übrigens eines der letzten Bundesländer war, welches an dieser repressiven Beschränkung festhielt. Zukünftig dürfen sich die AsylbewerberInnen nun landesweit bewegen – eine weitere Ausdehnung auf benachbarte Bundesländer bzw. eine komplette Abschaffung der räumlichen Beschränkungen wird zumindest von der FDP ebenfalls in Erwägung gezogen. Eine komplette Abschaffung wird schon seit Jahren von Flüchtlingsinitiativen gefordert – bisher leider vergebens.

☞ »Schünemann lässt locker« taz, 13.​09.​11

9/11

plakat-nazis kriegen haue

Dass man für das Verbreiten von menschenverachtender Propaganda gelegentlich zur Verantwortung gezogen wird, musste ein NPD-Plaktiertrupp im Oldenburger Stadtteil Dietrichsfeld wohl etwas schmerzhaft erfahren. Laut NWZ wurden die drei NPD-Mitglieder in der Nacht zu Freitag nahe der Kreuzung Scheideweg/Bürgerbuschweg beim Aufhängen von Wahlplakaten »von mehreren vermummten Männern« ein bisschen verprügelt. Die Nazis wurden leicht verletzt, die Heckscheibe ihres Wahlkampfautos erlitt jedoch einen Totalschaden.

zensus 2011: privatsphäre kostet 500 euro

Die am 9. Mai diesen Jahres gestar­tet Volks­zäh­lung, wel­che heut­zu­ta­ge lie­be­voll »Zen­sus 2011« ge­nannt wird, geht ihrem Abschluss entgegen. Während es bei der ersten groß ange­legte Erfas­sung der Bevöl­ke­rung 1987 noch hef­ti­gen Wi­der­stand, Pro­tes­te und Boy­kotts gab, regte sich diesmal nicht viel mehr als ein kleines Murren. Angesicht von allgegenwärtigen polizeilichen Videokameras, der massenhaften Speicherung von Telefon- und Internetdaten, eines fast reibungslosen Abgleichens aller vorhandenen Datenbanken durch Behörden, und, und, und, erschien die Ausspähung durch den »Zen­sus 2011« wohl eher als kleineres Problem. Und so haben auch in Oldenburg bereits 95 Prozent der rund 10.000 Befragten Auskunft erteilt. Doch immerhin 5 Prozent der Genötigten weigerten sich auch, sich noch mehr Erfassen und Kategorisieren zu lassen. »Derzeit gehen wir von ungefähr 500 Auskunftspflichtigen aus, die uns keinen Fragebogen abgegeben haben«, sagte laut NWZ der Leiter der örtlichen Erhebungsstelle. Jenen droht bei einer weiteren Verweigerung nun erstmal ein Buß- bzw. Zwangsgeld von bis zu 500 Euro.

☞ »Bei Verweigerung droht Zwangsgeld« NWZ, 07.​09.​11

mieterInnen vs. wuchermieten

P.S.: In Oldenburg gab es anfang September einen Aktionstag von »KOmm« (Kir­chen in Olden­burg machen mobil gegen Armut und soziale Aus­gren­zung) und Archi­tek­tur-Stu­dentInnen der Jade-Hochschule unter dem Motto: »Wohnst du schon oder suchst du noch?«, um auf den Man­gel an bezahl­ba­ren Woh­nraum auf­merk­sam zu machen. Einen netten Artikel dazu gibt es beim Oldenburger Lokalteil.

militärischer suizid

Seit Beginn der Kriegseinsätze der Bundeswehr vor fast 20 Jahren sind bisher 99 SoldatInnen im Ausland ums Leben gekommen. Neben den Toten durch Gefechte und Anschläge, durch Unfälle und natürlichen Tode, haben 19 deutsche SoldatInnen Selbstmord begangen. Somit hat sich jeder fünfte der bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gestorbenen SoldatInnen selbst umgebracht – eine Suizid-Quote von üppigen 20 Prozent. [Quelle]

gedenkstein für zwangsarbeiterInnen

Am 1. September diesen Jahres und damit 72 Jahre nach dem Beginn des deutschen Überfalls auf Polen wurde am Flötenteich ein Gedenkstein zur Erinnerung an das Leid der nach Oldenburg verschleppten ZwangsarbeiterInnen enthüllt. Schülerinnen und Schülern des siebten Jahrgangs der IGS Flötenteich hatte sich im vergangenen Schuljahr mit dem Thema Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg befasst und dann die Initative für den Gedenkstein ergriffen. Und dieser steht nun, begleitet durch einen Schaukasten, direkt am Ort des historischen Geschehens, direkt am Ort der Entbehrungen, der Schikanen und des Terrors. Denn der Oldenburger Flötenteich ist nicht etwa ein natürlich entstandendes Gewässer, sondern eben das Resultat der unmenschlichen Zwangsarbeit. Er entstand durch den Abbau von Sand, welcher für den am 5. März 1940 von den Nazis begonnenen Bau einer Umgehungsstraße benötigt wurde. Mehr als 12 000 Menschen, welche in dem großen Durchgangslager an der Rennplatzstraße und in weiteren 60 Lagern in Oldenburg interniert waren, wurden dort bis zur Zerschlagung Nazideutschlands zur Arbeit gezwungen. Die erste Mahn- und Ge­denk­stät­te für die NS-​Zwangs­ar­bei­te­rIn­nen in Oldenburg gibt es übrigens seit dem 8. Mai 2004 auf dem Ohmste­der Fried­hof an der Renn­platz­stra­ße [Info]. Dort be­fin­det sich das größ­te Sam­mel­grab der Opfer der Zwangs­ar­beit.

Der neue Gedenkstein am Flötenteich stellt nun einen weiteren Schritt zur Sichtbarmachung des faschistischen Terror in Oldenburg dar. Ein Kapitel der Stadtgeschichte, welches jahrzehntelang unter dem Mantel des Schweigens versteckt blieb. Nur den Initativen von Opfergruppen, linken Gruppierungen und engagierten SchülerInnen und Einzelpersonen ist es wohl zu verdanken, dass sich inzwischen in Oldenburg eine akzeptable, aber immernoch nicht ausreichende, Erinnerungskultur etabliert hat. Und auch ein nächstes Projekt ist schon in Planung: SchülerInnen der IGS Helene-Lange-Schule wollen mit sogenannten »Stolpersteinen« vor dem Gertrudenheim an ein Oldenburger Familie gedenken, deren drei Kinder durch das NS-Euthanasie-Programm ermordet worden.

☞ »Gedenkstein feierlich enthüllt« NWZ, 02.​09.​11
☞ »„Stolperstein“ vors Gertrudenheim« NWZ, 25.​08.​11