töten, tröten, trösten?

Gestern Abend fand er also statt, der seit einer Woche täglich von der NWZ in höchsten Tönen beworbene Auftritt der Big Band der Bun­des­wehr. In schicken weißen Ausgehuniformen, welche irgenwie stark an den Dress der Love Boat-Besatzung erinnerten, hatten sich um die 20 musizierende SoldatInnen auf der mit zwei Großbildscreens und Pyroeffekten ausgestatteten Bühne versammelt. An einem Promotionstand gab es die Best-of-CD´s und süße kleine Bundeswehr-Big- Band-Teddy´s [Foto] zu kaufen und auch das anwesende Publikum, welches größtenteils die 50 und (aus den ländlichen Regionen kommend) mal wieder die Stadtgrenze überschritten hatte, präsentierte sich in Festtagsstimmung.

Bevor die Band jedoch mit ihrem »schwung­vol­lem Mix aus Swing-​, Rock- und Pop­mu­sik für Stim­mung sor­gen« sollten, musste aus Image-Gründen erstmal irgendwas benefizmäßiges her – und Kinder machen sich da halt immer gut. Waren es im letzten Jahr noch Kinder in Haiti nach dem verheerenden Erdbeben, mussten dieses Jahr trauernde Kinder in Deutschland und Schulkinder im kriegsgeplagten Afghanistan als moralisches Feigenblatt für die Selbstinzenierung der Bundeswehr herhalten. Und so riefen dann auch Tho­mas Kos­sen­dey, Par­la­men­ta­ri­schen Staats­se­kre­tär im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um und OB Fritz Gerd Schwand­ner, als die beiden Schirm­herren der Veranstaltung, der Kommandeur der Luftlandebrigade 31 »Oldenburg« Brigadegeneral Reinhardt Zudrop und natürlich ein kleiner, lächelnder Vorzeige-Junge [Foto] das durchaus zahlreich erschienene Volk ersteinmal zur Spende. Als Quittung erhielt mensch ein kleinen Aufkleber mit dem pfiffigen Slogan »Ich helfe gern« und dem unvermeidlichen NWZ-Emblem. Bei soviel triefender Wohltätigkeit und dem adretten Auftreten der »swin­gen­de For­ma­ti­on« störte es dann wohl auch kaum jemanden der Anwesenden, dass sowohl von zwei ziemlich miserabel schauspielenden Uniformierten auf der Bühne, als auch dem zentral postierten Bundeswehr-Karrieretruck Werbung für den mörderischen Dienst an der Waffe gemacht wurde. Und auch jegliche Irritationen aufgrund der massiven Polizeiabsperrungen an allen Zugängen zum Platz lösten sich beim Anblick der zwei Saufstände ersteinmal in Luft auf. Auch auf Seiten der Polizei machte sich Erleichterung breit, da lediglich eine Gruppe von rund 30 AntimilitaristInnen erfolglos versuchte, die Absperrungen zu überwinden. Ein Desaster wie am letzten 8. Mai [Info] schien durch perfekte polizeiliche Einsatzplanung relativ stressfrei verhindert. Doch die Betonung lag wohl auf »schien«. Denn gute 20 Minuten nach Beginn des Konzertes mit »Pop, Rock und Swing der Extraklasse« startete ein großes Feuerwerk – und zwar nicht auf der Bühne, sondern auf dem Dach von Galeria Kaufhof. Und als das zu diesem Zeitpunkt noch so unbeschwerte Publikum entzückt gen Himmel schaute, offenbarte sich ein riesiges scharzes Transparent: »töten, tröten, trösten? Soldaten sind Mörder«.

Die Volksseele begann zu kochen. Erst recht, nachdem die auf dem Dach sitzenden AktivistInnen es mit drei popeligen Tröten und der wunderbaren Akkustik des Platzes schafften, den Genussfaktor der Big Band gegen Null zu senken. Gleichzeitig traten inmitten des Publikums diverse Person mit Trillerpfeiffen und Protestschilder auf den Plan und an nicht wenigen Ecken des Platzes machte sich ein ekelhafter Gestank breit. Schon nach 5 Minuten setzte unter den etwa tausend ZuschauerInnen eine nicht zu übersehende Abwanderungsbewegung ein, während sichtlich überforderte PolizistInnen versuchten den antimilitaristischen Dachgästen habhaft zu werden, was ihnen nach einer Viertelstunde schließlich auch gelang. Beim Abtransport derselben drehte übrigens einer der Beamten auf der Mühlenstraße mal wieder frei und verletzte mit seinem Pfefferspray nicht nur mehrere UnterstützerInnen der Dachgäste, sondern auch eine seiner eigenen Kolleginnen. Währenddessen nahm das Big Band-Konzert mit »Stücke(n) von Glenn Miller bis Michael Jackson« nun seinen weiteren Verlauf, den »musikalischen Schlusspunkt setzte dann der romantische Ohrwurm „Amazing Grace“«, berichtet die NWZ. Das noch anwesende Publikum zeigte sich demonstrativ bespaßt und fühlte sich wohl auch ein wenig heroisch, da sie ja tapfer den fiesen Attacken der AntimilitaristInnen widerstanden hatten.

Was wohl bleibt ist die Erkenntnis, dass ein störungsfreier Ablauf von öffentlichen Auftritten der Bundeswehr in Oldenburg wohl der Vergangenheit angehört. Noch lange nicht Vergangenheit ist hingegegen der nicht nur interne Streit darüber, wie es das Kon­zert der Bun­des­wehr-Big Band in das of­fi­zi­el­le Pro­gramm des ehe­mals al­ter­na­tiv an­ge­hauch­ten Kul­tur­som­mers geschafft hat. Und wer weiß, vielleicht fragt sich ja inzwischen auch die Eine oder der Andere des gestrigen Publikums, warum die Bundeswehr seit nun 10 Jahren ihrer Präsens in Afghanistan immernoch versucht, mit einem G 36 und nicht mit einer Schauffel »Brunnen zu bauen«. Das wäre ja schonmal ein Anfang.

☞ Video: »Benefizkonzert der Bundeswehr Big Band« NWZ-TV, 20.​07.​11
☞ »Herzen der Zuhörer schnell erobert« NWZ, 21.​07.​11
☞ »The Big Band Theory« Ol­den­bur­ger Lo­kal­teil, 21.​07.​11


4 Antworten auf “töten, tröten, trösten?”


  1. 1 Storm 22. Juli 2011 um 14:43 Uhr

    „Und wer weiß, vielleicht fragt sich ja inzwischen auch die Eine oder der Andere des gestrigen Publikums, warum die Bundeswehr seit nun 10 Jahren ihrer Präsens in Afghanistan immernoch versucht, mit einem G 36 und nicht mit einer Schauffel »Brunnen zu bauen«. Das wäre ja schonmal ein Anfang.“

    Ich finde es immer wieder faszinierend wie Mitbürger die angeblich so hochpolitisch engagiert sind wie Sie einen der wesentlichsten Grundzüge über die Streitkräfte diese Landes nicht verstehen oder warhaben wollen: Die Bw ist eine Parlamentsarmee, es herscht in dieser Republik der Primat der Politik.

    Die Bundeswehr tut rein garnichts weil „sie“ es will oder weil Soldaten es wollen, sie tun nur genau das was das Parlament ihr aufträgt, das sind btw die Leute die sie wählen aller 4 Jahre.

    Man kann über die Einsätze der BW durchaus gespaltener meinung sein, aber zu verbreiten der AFG Einsatz wäre eine Art Projekt kriegsgeiler Soldaten zeugt entweder von absolutem unverständniss über die Funktionsweise dieser Demokratie oder ist böswille Lüge zur Meinungsmache und Verblendung der eigenen Anhänger.

  2. 2 .... 22. Juli 2011 um 15:18 Uhr

    „Stabshauptmann Thomas Ernst, Moderator und Manager der Big Band (…) kündigte an, dass die Band versuchen werde, auch im kommenden Jahr einen geeigneten Termin für einen Freiluft-Auftritt in Oldenburg zu finden.“

    NWZ, 22.7.11

  3. 3 "Säufer" 22. Juli 2011 um 18:29 Uhr

    Zuerst einmal interessanter Artikel, mutiger und in meinen Augen auch durchaus richtiger Protest. Aber in meinen Augen müssen Stinkbomben nicht sein, auch wenn man damit meistens das gesetzte Ziel erreicht. Ein weiteres Problem hab ich mit den sogannten Saufbuden. Es ist schwachsinnig und vorallendingen nicht wirklich selbstreflektierend, wenn man die Besucher in solche eine Ecke stellen müssen, denn ich bin mir sicher, dass der größte Teil der Protestler auch zu kulturellen Anlässen mal ein Bier trinkt und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Das hat eine Seite wie regentied eigentlich nicht nötig, kann sie doch auch objektiver über die Proteste berichten. (Auch wenn klar ist, auf welcher Seite sie steht, fair bleiben sollte man schon.)

  1. 1 OL: töten, tröten, trösten « end of road Pingback am 22. Juli 2011 um 18:14 Uhr

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