Archiv für Januar 2011

»wir haben es satt«

Am 22. Januar gibt es in Berlin unter dem Motto »Wir haben es satt!« eine bundesweite Demo gegen Gentechnik, Tierfabriken und Dumpingexporten, für eine bäuerliche, ökologische Landwirtschaft und fair produziertes, gesundes Essen. Gerade in Anbetracht des aktuellen Dioxin-Skandals ein Thema mit allerei Brisanz. Organisiert wird diese von verschiedenen (teils fragwürdigen) Umwelt-, Landbau- und BioaktivistInnen. Die ALSO ruft nun mit einem eigenen Aufruf ebenfalls zur Teilnahme auf und stellt dabei klar: Damit »Bio« und »Fair« auch für alle funktioniert, braucht es auch menschenwürdige Regelleistungen und Einkommen statt Hungerlöhne – sonst können sich Millionen Menschen fair, biologisch, regional erzeugte Lebensmittel nicht leisten.
Am 11. Januar gibt es im PFL um 18 Uhr eine Veranstaltung [Flyer] von mehreren Gruppen, auf welcher die Inhalte der Demo und die Frage, wie Aktivitäten für regionale Produktion, Tier- und Naturschutz, fairen Handel und menschenwürdige Einkommen zusammen passen, diskutiert werden sollen. Desweiter geht es um die Organisation der Fahrt zur Demo nach Berlin, zu welcher auch aus Oldenburg Busse fahren werden [Info].

nwz & sarrazin im abseits

Heute gab es also die Lesung von Thilo Sar­ra­zin in Oldenburg, welche – soviel sei vorweg genommen – leider nicht komplett verhindert werden konnte. Allerdings konnte erreicht werden, dass die NWZ ihre Veranstaltung aus »Sicherheitsbedenken« kurzfristig vom städtischen Kulturzentrum PFL in die Weser-Ems-Halle (WEH) verlegte. Denn ein beachtliches gesellschaftliches Bündnis [Info] hatte dazu aufgerufen, sich der Hetze gegen Arme, MigrantInnen und MuslimInnen entgegenzustellen.

Als um 18.30 Uhr die von einigen Gruppen (vorwiegend aus dem autonomen Spektrum) organisierte Kundgebung [Aufruf] vor dem PFL begann, versuchte die NWZ noch alles, um den Anschein zu erwecken, dass die Lesung dort stattfände – der ursprüglich vorgesehene Saal war möbliert, mit allerlei NWZ-Klimmbimm verziert, von mehreren privaten Sicherheitsleuten bewacht und sowohl ein Pappaufsteller, also auch der Infobildschirm des PFL verkündete »Heute: Lesung von Thilo Sar­ra­zin«. Ein einsamer Sarrazin-Fan verlautbarte per selbstgemalten Plakat »Kaufe Karte«, ein seniler »Vertriebener« versuchte schlecht kopierte Flyer unter die Leute zu bringen. Also in Etwa alles so wie erwartet. Allein die eher mäßige Polizeipräsenz und vorallem die fehlenden Absperrungen sorgten für Zweifel. Kurze Zeit später war es Gewissheit – konspirativ hatte die NWZ die Veranstaltung in die WEH verlegt, die namentlich erfassten KarteninhaberInnen gerüchteweise erst wenige Stunden vor Beginn telefonisch umdirigiert. Die Kundgebung machte sich daher zügigen Schrittes auf zur WEH, wobei sie im Verlauf von anfänglich etwa 100 auf letztlich 300 Leute anwuchs. Bei der WEH gab es nun auch die erwarteten Absperrungen, Hundestaffeln und jede Menge Bullen. Lautstark und gut gelaunt wurde nun demonstriert, die über 200 Sarrazin-Fans (zum Großteil ältere Semester aus der Mittelschicht) verhöhnt und der Eingangsbereich der WEH mit diversen Farbeiern bedacht. Ein Oldenburger Sarrazin-Jünger schrieb dazu in seinem Blog: »Draussen war viel Geschrei und Auflauf, dass man kaum in die WEH kam, die durch ein beachtliches Polizeiaufgebot geschützt wurde. Was dieses wieder den Steuerzahler kostet???«. Etwa gegen 20.30 Uhr, also eine halbe Stunde nach Beginn der Lesung, zog die Kundgebung gemeinsam, und ohne größere Probleme mit der Polizei, von dannen.

Zeitgleich hatten sich im PFL nochmal über 400 Leute versammelt, um an der wissenschaftlichen »Gegenveranstaltung« der Grünen-Fraktion und 15 Oldenburger Institutionen teilzunehmen. Da der auf 90 Personen beschränkte Vortragsraum im PFL logischerweise nicht ausreichte, wurde sowohl lautstark als auch diplomatisch versucht, die NWZ dazu zu bewegen, ihren ja nun verwaisten Saal für die Podiumsdiskussion freizugeben. Klappte aber beides nicht, so dass die Veranstaltung spontan in die gegenüber liegende Forumskirche St. Peter verlegt wurde.
Auch wenn es nicht gelang, dem Hetzer das Mikro abzudrehen, setzten die zusammen über 700 Leute und die mehr als 50 aufrufenden Gruppen und Initiativen doch ein eindrucksvolles Zeichen. Ein Zeichen gegen Rassismus, Ausgrenzung und Hetze, für Solidarität und Emanzipation. Dass die NWZ sich zum Versuch genötigt sah, sich klammheimlich und mit Täuschungsmanövern unliebsamer Kritik zu entziehen, spricht dabei ebenfalls ein deutliche Sprache. »Statt Hetze gegen Arme und Muslime wollen wir gemeinsam eine Diskussion über Perspektiven einer solidarischen Gesellschaft beginnen« hieß es im Oldenburger Aufruf. Die Diskussion ist wohl eröffnet…

Artikel:
☞ »300 Demonstranten protestieren gegen Sarrazin« radio bremen, 05.01.11
☞ »Andrang bei Debatte über Migration und Sozialstaat« NWZ, 05.01.11
☞ »Thilo Sarrazin in der NWZ-Reihe „Begegnungen“« NWZ, 05.01.11
☞ »Kasperletheater um Sarrazin-Lesung« weser-ems.business-on, 06.01.11
☞ »800 OldenburgerInnen gegen Sarrazin-Auftritt« Linkspartei Oldb., 06.01.11
☞ »Räumchen-wechsel-dich in Oldenburg« taz, 07.01.11

Videos:
☞ »Videobericht von buten un binnen« 06.​01.​11
☞ »Videobericht von NWZ-TV« 06.01.11

Radiobeiträge:
☞ »Protest gegen Thilo Sarrazin« nordwestradio, 06.​01.​11
☞ »Im Blätterwald nichts Neues« oeins, 06.​01.​11

Mobilisierungsseite:
☞ »Ol­den­burg gegen Sar­ra­zin«