krach schlagen … für ein gutes leben

Es waren wohl weit mehr als 3.000 Menschen, die am 10.10. unter dem Motto »In die Pötte kom­men: Krach schla­gen statt Kohl­dampf schie­ben! Min­des­tens 80 Euro mehr für Le­bens­mit­tel so­fort!«, bewaffnet mit laut scheppernden Kochtöpfen, Kanistern, Trommeln und Fässern durch Oldenburg zogen. Lautstark und selbstbewusst – abgeguckt war diese Protestform von den sozialen Bewegungen in Lateinamerika, wo das Klappern leerer Töpfe die herrschende Klasse schon so oft in Panik versetzte.

Und so wurde mächtig Krach geschlagen. Ziemlich rhythmisch, komplett chaotisch, aber so oder so unüberhörbar. Unmittelbar ging es um eine Erhöhung der Hartz IV-Sätze, aber sowohl die Reden [Auftaktrede] [Abschlussrede] als auch die Verschiedenheit der DemonstrantInnen deuteten an, um was es letztlich ging – den Kampf um ein gutes Leben für alle, und das weltweit.

Das Bündnis der Demo reichte von selbstorganisierten Erwerbslosengruppen, Gewerkschaften, linken Parteien, Flüchtlingsorganisationen, MilchbäuerInnen bis hin zu autonomen Zusammenhängen. Neben etwa 1.000 Menschen, die aus rund dreizig Städten angereist waren, setzte sich der Rest der TeilnehmerInnen wohl aus Leuten aus Oldenburg zusammen. Für eine Stadt mit gerade einmal 160.000 EinwohnerInnen eine durchaus beachtliche Zahl. Und ein Beleg dafür, dass es gelingen kann, trotz aller Unterschiede und Konflikte (zumindest lokal) Bündnisse zu schmieden, in denen eine solidarische Zusammenarbeit über die Spektrengrenzen hinweg möglich ist.

Eine Zusammenarbeit, die natürlich nicht im luftleeren Raum entstanden ist, sondern viel mit Oldenburger Besonderheiten zu tun hat. Mit Zusammenhängen aus dem autonomen Zentrum »Alhambra«, welche sich seit über dreizig Jahren in der Stadt behaupten und nichts geringeres als den radikalen Bruch mit diesem System einfordern, mit der »Arbeitslosenselbsthilfe Oldenburg« (ALSO), welche sich seit über einem Vierteljahrhundert aus einem eigenen Zentrum heraus für ihre Interessen stark macht, mit einer Selbstorganisation von Flüchtlingen aus dem Abschiebelager Blankenburg, welche sich 2006 mit einem großen Streik Gehör für ihre beschissenen Lebensbedingungen erkämpften, mit Strukturen von LandwirtInnen, die die Notwendigkeit neuer Bündnisse zur Erreichung eines akzeptablen eigenen Auskommens erkannt haben, aber auch mit Gewerkschafts- und ParteifunktionärInnen, die lernen mussten, dass sie und ihre Organisationen nicht der Nabel der Welt sind. Also einem großen Haufen ganz unterschiedlicher Menschen, denen klar geworden ist, dass sie irgendwie auf der selben Seite der Barrikade stehen. Dem sind Unmengen an großen und kleinen Konflikten und Brüchen vorausgegangen, Unmengen an langsam bröckelnden Vorurteilen und Pauschalisierungen, bis eine Ebene erreicht wurde, auf der mensch sich einigermaßen auf gleicher Augenhöhe begegnete und solidarisch kritisieren konnte. Einer Ebene, die Kompomisse möglich machte, ohne sich selbst zu verraten (oder auch allzu großen Groll der Dachverbände auf sich zu ziehen). Ob nun bei der gestrigen Demo, beim Widerstand gegen Naziprovokationen in der Stadt, bei Bildungsprotesten oder auch bei antirassistischen Kämpfen war gelegentlich ein gemeinsames Vorgehen bis zu einem bestimmten Punkt möglich. Und das ist schön zu sehen.

Denn Widerstand heißt anfangen und die Revolution hat weder ein Parteibuch, noch trägt sie einen schwarzen Kapuzi. Ein gutes Leben wird nicht durch Wahlen, durch Demos, durch Streiks oder durch fliegende Steine erkämpft, sondern durch Menschen, die zusammenkommen, die sich für ihre eigenen Interessen stark machen, die solidarische Bündnisse eingehen und sich letztlich das aneignen, was ihnen zusteht – und das mit all den Mitteln, die dazu notwendig sind.

☞ »Kurzbericht des Demo-​Bünd­nis­ses«, 10.10.10
☞ »Tausende protestieren gegen Hartz IV« NWZ, 11.10.10
☞ »Krach schlagen für 80 Euro mehr« telepolis, 11.10.10

Videos:
☞ »Krach schlagen – der Film«
☞ »Bericht von NDR«
☞ »Bericht von NWZ-TV«


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