turmstraßen-pöbel

Eines der weltweit erfolgreichsten Brettspiele feierte gerade seinen 75. Geburtstag: »Monopoly«, das Spiel der Grundstücksimperien und Insolvenzen. Und dabei ist es immer noch lehrreicher als jedes Wirtschaftsstudium, meint Detlef Gröning von NDR Info: »Hotelbesitzer müsste man sein – das wussten wir von der Monopoly-Generation schon vor der giftigen Steuerdebatte. Bereits im Kindesalter bot das kultige Brettspiel in heiterer Runde die Gelegenheit sich von der Illusion sozialer Gerechtigkeit zu verabschieden und im Mikrokosmos des ausgezogenen Wohnzimmertisches zu erleben, wie sich die eigene Familie bei Saft und Keksen in Wohlstand und Prekariat aufspaltet. Eigentlich ist Monopoly ein simples Spiel, der Sieger steht in der Regel nach zehn Minuten fest.

Der Geniestreich der Erfinder besteht darin, dass es dem Spiel selbst nach 75 Jahren noch gelingt, auf einem halben Quadratmeter eine denkbare Gesellschaft zu simulieren, die den Kampf gegen das Primat der Märkte verloren hat. Weil zum Beispiel Steuern und Abgaben nicht nach dem Vermögensstatus, sondern als Kopfpauschale erhoben werden, strebt die Gemeinschaftskasse – nach einer kurzen Blütezeit der Immobilienveräußerung – unweigerlich der Pleite entgegen, mit der Folge, dass es irgendwann nicht mal mehr für die Auszahlung des bedingungslosen Grundeinkommens von 4000 Mark über „Los“ reicht.

Das déjà-vu geht bis in die Schlussphase, in der die schlechte Laune der Geschröpften auf das gönnerhafte Almosengehabe der Shareholder trifft. Fehlt nur noch ein Herr Hüter, der den verarmten Turmstraßen-Pöbel zum Maßhalten mahnt . Das ist der Tag, an dem wir im echten Leben zur Denkzettelwahl antreten und alles abwählen, was sich bewegt. Dabei hat uns der gesellige Abend doch gerade eindrucksvoll gezeigt, was wir von unseren Vertretern verlangen, nämlich nichts weniger, als ein Monopoly-Brett inklusive Ereigniskarten sozial gerecht zu gestalten. Versuchen Sie das mal. Nur so zum Spaß. Die Spielanleitung hätte viele Tausend Seiten, die Partie würde Wochen dauern und im Streit darüber enden, ob eine Villa am Opernplatz steuerlich anders behandelt werden müsste als eine Hütte in der Badstraße. Das überlassen wir im wahren Leben nörgelnd unseren Abgeordneten, während wir uns unter der Stehlampe dem Crescendo der real existierenden Marktwirtschaft entgegen würfeln: Das Gemeinwesen ist pleite, am Tisch bilden sich seltsame Kartelle, neunzig Prozent des Gesamtvermögens liegt in einer Ecke und bei den Verlierern stapeln sich windige Schuldverschreibungen oder sonstige phantasievoll erfundene Derivate, damit das Spiel irgendwie weitergeht. Wir Deutschen, so sagt man uns nach, seien mit der Finanzkrise erstaunlich gelassen umgegangen. Ja, warum wohl? Weil wir uns rechtzeitig damit vertraut machen konnten. Monopoly sei Dank!«


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