deutschlands fouls an boateng

Der geborene West-Berliner Kevin-Prince Boateng – für die Einen einfach ein Fussballprofi des englischen Erstligisten FC Portsmouth, ehemaliger deutscher U-21-Nationalspieler und nun Kicker in der ghanaischen Fußballnationalmannschaft, für die deutschen Stammtische der »Brutalo-Treter«, »Übel-Treter«, »Kaputt-Treter«, »Skandal-Treter«, »Serien-Treter« oder auch das »Ghetto-Kid aus Wedding«. Klingt nach Rassismus – ist es auch. Dazu nun das kurze Essay »Mit zweierlei Maß – Deutschlands Fouls an Boateng« von »Der Schwarze Blog«: »Am 17. Mai 2010 wurde bekannt, dass Michael Ballack, weißer Spieler der deutschen Fußballnationalmannschaft, für die Fußball-WM 2010 in Südafrika aufgrund einer Verletzung ausfallen würde. Die Verletzung resultierte aus einem Foul des deutsch-ghanaischen Spielers Kevin-Prince Boateng an Ballack im Finale des englischen FA-Cups, das zwei Tage zuvor zwischen den Vereinsmannschaften Chelsea London und Portsmouth ausgetragen wurde.

Kevin-Prince Boateng aus Berlin-Wedding, der in der Vergangenheit für Hertha BSC und auch für DFB-Jugendmannschaften gespielt hatte, hatte sich vor einiger Zeit entschieden, für die Fußballnationalmannschaft Ghanas zu spielen, die bei der kommenden Fußball-WM in Südafrika im dritten Vorrundenspiel auf Deutschland trifft. Deutsche Medien und Internetforen präsentieren verständlicherweise vielfältig die Meldung über Ballacks Ausfall bei der Fußball-WM. Während dieser Ausfall Ballacks von den deutschen Medien als „Schock für Deutschland“ bezeichnet wird, wird Boateng jedoch zur Zielscheibe unfairer und unsachlicher Attacken. In deutschen Medien wird Boateng nun als „Brutalo-Treter“ (Bild-Zeitung) bzw. „Ghetto-Kid aus Wedding“ (Welt Online) dargestellt, der angeblich hinterhältig und mit voller Absicht Ballack im Hinblick auf die Fußball-WM gefoult habe. Ballack-Berater Michael Becker titulierte Boateng laut einiger Tageszeitungen sogar als „uneinsichtigen Gewalttäter“, den er bzw. Ballack eventuell anzeigen werde(n).
Bereits in der Vergangenheit wurde Boateng ohne ersichtlichen Grund bei einigen Fouls in der Bundesliga von vielen Seiten sofort Absicht unterstellt, obwohl derartige Fouls in ähnlicher und sogar schlimmerer Art und Weise auch (ehemalige) weiße deutsche Nationalspieler begangen haben, ohne dass dies zu derartigen Unterstellungen oder medialen Philosophien über ihren Herkunfts-Stadtteil geführt hätte, und ohne dass ein derart großes Medienecho erzeugt wurde. Ferner haben sich in Internetforen wie „Facebook“ zahllose Gruppen unter geschmacklosen Namen wie zum Beispiel „Kevin-Prince Boateng – gib deinen deutschen Pass ab!“ und mit bis zu fünfstelligen Mitgliederzahlen gebildet, die offen eine hasserfüllte Stimmung gegen Boateng erzeugen und in denen ungehemmt rassistische und sexistische Beschimpfungen ihm gegenüber geäußert werden dürfen, die teilweise in Morddrohungen gipfeln.
Angesichts der Tatsache, dass Boateng sein Bedauern über Ballacks Ausfall zum Ausdruck gebracht und zudem angegeben hat, dass er nicht den Vorsatz gehabt habe Ballack zu verletzen, kann hier durchaus von Doppelmoral gesprochen werden. Auch Anzeichen für eine rassistische Motivation des Medialen Echos (inklusive Web 2.0) sind vorhanden: Als Michael Ballack am 3. März 2010 im Länderspiel zwischen Deutschland und Argentinien den weißen argentinischen Verteidiger Demichelis bei einem Foul so schwer verletzte, dass dieser anschließend mit einem Jochbein- und Augenhöhlenbruch im Krankenhaus behandelt werden musste und eine zeitlang in seiner Vereinsmannschaft ausfiel, gab es keinerlei vergleichbares Medienecho diesbezüglich. Niemand in den deutschen Medien unterstellte Ballack damals Absicht, noch hat Ballack sich dafür offenbar entschuldigt. Ballack ist zudem in der Vergangenheit in Fußballspielen bereits durch einige schwere Fouls und Unsportlichkeiten aufgefallen, worüber deutsche Medien jedoch kaum berichten. Im besagten Finale des FA-Cups hatte Ballack Boateng sogar absichtlich ins Gesicht geschlagen, was nicht geahndet wurde und deutsche Medien kaum thematisierten.
Der ehemalige weiße deutsche Fußballnationalspieler Sebastian Deisler fiel wenige Wochen vor der Fußball-WM 2006 wegen einer Verletzung in einem vereinsinternen Trainingsspiel aus. Der weiße englische Spieler Owen Hargreaves hatte ihn in jenem Spiel gefoult. Es gab ein großes Medienecho hierzu, jedoch keine Schuldzuweisungen und Attacken gegenüber Hargreaves. Es wurde betont, dass es sich um ein „Unglück“ handele. Der französische Spieler Franck Ribery vom FC Bayern München foulte im Champions-League-Halbfinale 2010 seinen gegnerischen Spieler von Olympique Lyon. Ribery erhielt die Rote Karte und drei Spiele Sperre. Der gegnerische Spieler verletzte sich zwar nicht schwer, doch das Foul ähnelte vom Erscheinungsbild dem von Boateng. Im Gegensatz zu Boateng wurde seitens großer Teile der Medien sogar gefordert, die Spielsperre für Ribery zu verkürzen. Allein anhand dieser -exemplarisch aufgeführten- Sachverhalte wird ersichtlich, dass die initiale Berichterstattung zu Kevin-Prince Boateng vorurteilsbeladen und zumindest grob einseitig war. Einige Medien versuchen jetzt, zurückzurudern, so zum Beispiel „Welt Online“, die zuerst hetzerisch titelten „Boateng – Ghetto-Kid aus Wedding“, und nun mit „Ballack-Foul – Hetzjagd gegen Boateng im Internet“ neue Schlagzeilen verkaufen über einen diskriminierend konnotierten Backlash, den sie doch selbst mitkreiert haben.
Insbesondere angesichts der Fußball-WM 2010 in Südafrika und dem bevorstehenden Vorrundenspiel Ghana gegen Deutschland ist es nun ratsam, dass deutsche Medien damit aufhören, Stimmung gegen Boateng und die ghanaische Fußballnationalmannschaft weiter anzuheizen und sachlich, ausgewogen (!) und fair berichten, um nicht –wie leider im Fußball oft zu beobachten ist- dazu beizutragen, rassistisch motivierter Gewalt und Ausschreitungen den Boden zu bereiten.


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