zum 5. mai in athen

Am 11. Mai veröffentlichten die sechs Zusammenschlüsse »Initiative von AnarchistInnen in Aigaleo« (Athen), »AnarchistInnen« (Piräus), »Thersitis – Raum für Umtriebe & Umstürze« (Athen), »Resalto – selbstverwalteter Raum der Solidarität und des Bruchs« (Piräus), »Anarchistinnen/en aus den westlichen Wohnvierteln Athens und Piräus« und die »Versammlung Aufständischer von Perama, Keratsini, Nikaia, Korydallos, Piräus« einen Text zum Generalstreik vom 5. Mai, zu der erstmalig in solcher Stärke erlebten Demonstration, zu den langdauernden ununterbrochenen Versuchen, das Parlament zu besetzen, zu den umfangreichen Konfrontationen und zum tragischen Tod dreier Menschen durch Rauchvergiftung.

Hier nun der Text: »Die größte Demonstration seit Ende der Militärdiktatur war angetreten, um sich mit dem größten Programm der politischen und ökonomischen einheimischen wie übernationalen Herrschenden zur gesellschaftlichen Plünderung und Versklavung zu messen. Und dieser gesellschaftliche Strom von 150 bis 200 Tausend DemonstrantInnen war auf der Straße, um seine Wut ins Parlament zu tragen.
„Alle zum Syntagmaplatz“, „Umzingelung-Isolation-Besetzung des Parlaments“. Die Versuche gingen über mehr als 2 Stunden, wieder und wieder, trotz der Züge der Sondereinheiten, des Tränengases, der Schockgranaten, der mörderischen Angriffe durch die motorisierten DELTA-Einheiten. Die Parole „Es brenne, es brenne der Puff das Parlament“, erschütterten die Atmosphäre. Die am Syntagmaplatz ankommenden Blöcke, die nach kurzer Zeit von den Chemikalien eingedeckt gezwungen wurden, weiter zu ziehen, schlugen etwas weiter unten eine Kurve und kehrten zurück, während gleichzeitig neue Demoblöcke ebenfalls am Parlament ankamen. Menschen jeden Alters auf der Straße, Lohnbezieher und Arbeitslose, aus dem öffentlichen Sektor und der privaten Wirtschaft, Einheimische und Migranten. Die Konfrontationen mit den Repressionskräften langanhaltend und ausgedehnt. Das politische System und seine Institutionen am Tiefstpunkt der gesellschaftlichen Akzeptanz.
5. Mai 2010, kurz nach 15:00 Uhr, und die Information beginnt zu zirkulieren, dass es „wohl Tote wegen eines Feuers in der Filiale der Marfin-Bank in der Stadiou Strasse gibt“. Anfangs kann das niemand glauben und vielen kommt die Idee in den Sinn, dass es sich dabei um einen Desinformationstrick des Systems handelt, um die Menge von den Straßen abzuziehen. Letztendlich aber stimmt die Information. Die Menge erstarrt, die Gesichter werden dunkel, die Wut und die Kraft verfliegen, die Demoblocks beginnen sich aufzulösen. Chrisohoidis („Minister für Bürgerschutz“, Anm. d. Üb.) spricht von einer Säuberung der Stadt von den Demonstranten, eine spezielle Form von Ausgangssperre verhängend, die Repressionskräfte kriegen Mut und Anweisungen für einen umfassenden Gegenangriff, die Szenerie wechselt innerhalb kurzer Zeit. Es folgen Polizeigewahrsamnahmen in Massen, von auf den zentralen Straßen Athens bis zu in den Cafes in Exarcheia, Demonstranten und Einwohner werden verprügelt, es gibt Verletzte aus Angriffen der motorisierten DELTA-Einheiten. Der Streik der Journalisten wird für die Koordination der Massenmanipulationsmedien in der angeblasenen Jagd auf den „inneren Feind“ aufgehoben. Das besetzte Haus „Raum der Geeinten Vielfältigen Anarchistischen Aktion“, in der Zaimi Straße in Exarcheia bekommt Polizeibesuch und wird unter Einsatz von Tränengas, Schockgranaten und Schüssen im Inneren des Gebäudes geräumt. Das Zentrum für Migranten in der Tsamadou Straße, ebenfalls in Exarcheia erlebt einen Polizeiangriff mit weitreichenden Zerstörungen. In beiden Fällen werden die Polizeioperationen von DELTA-Einheiten durchgeführt, die als uniformierte Banden losstürmen. Klar, dass es eine Fortsetzung gibt. Derartige Chancen werden nicht ungenutzt gelassen. Der Plan der Herrschenden, der für die gesamte Periode seit dem Aufstand vom Dezember auf die Kriminalisierung der anarchistischen und autonomen Szene sowie jedes unbevormundeten Widerstandsherdes gegen die staatliche und kapitalistische Barbarei zielt, hat den notwendigen Vorwand für eine qualitative und quantitative, propagandistische und operative Aufwertung.
In all diesen Tage schmerzt der tragische Tod von Angeliki Papathanasopoulou, Paraskevi Zoulia und Epameinodas Tsakalis in unseren Herzen und unserem Bewusstsein. Denn ihr Verlust ist unser Schmerz und nicht der jeder Art selbsternannter Gedenkender. So lächerlich es aber ist, wenn die vom Schlag Chrisohoidis von „skrupellosen Mördern“ reden, während sie gleichzeitig dem Schutz der Plünderung von Millionen Leben durch die Zentralen der Herrschenden vorstehen, jeder Bulle gleichzeitig seinen Schlagstock auf die Köpfe der Demonstranten niedersausen lässt, jeder Journalist gleichzeitig systematisch an der Manipulation, der Überlistung und der Verdunkelung von Bewusstsein arbeitet, so gegeben auch die Verantwortung eines jeden Vgenopoulos (Direktor der Marfin Bank, Anm. d. Üb.) ist, der mit der Drohung von Entlassung die Angestellten zwang, eingeschlossen ein menschliches Schutzschild in einer Bank zu bilden, vor der die Streikdemonstration vorbeiziehen würde, so beschwert die Verantwortung für den Tod der drei Angestellten durch Rauchvergiftung unweigerlich diejenigen, die das Gebäude in Brand setzten, ohne vorher auszuschließen, dass sich Menschen darin befinden. Tragische Gedankenlosigkeit? Oder noch schlimmer, Zynismus, Ergebnis einer elitären und antigesellschaftlichen „Auffassung“, die nur sich selbst anerkennt, rundweg alles außer sich selbst hasst und sich selbst mittels des Konsums aggressiver Praktiken „bestätigt“, ohne sich um die Inhalte und die Dialektik der gesellschaftlichen Auseinandersetzung zu kümmern?
In den Kämpfen der Straße, dort, wo sich die Angriffslust all derjenigen manifestiert, die nicht in gesellschaftlichen Konsens und Parteidisziplin integrierbar sind, ist es ein selbstverständlicher Grundsatz, dass Gebäude-Symbole niemals dem Feuer übergeben werden, bevor nicht sichergestellt wurde, dass keine Menschen darin sind. Darüber hinaus, genau weil die Anarchisten und Autonomen wissen, dass die Bosse wahrscheinlich keinerlei Schutzmaßnahmen für die Arbeitenden getroffen haben, bildet für sie diese Kenntnis den Grund für den Verzicht auf eine mögliche Aktion und nicht ein Alibi. Wer immer hinter dieses Minimum zurückfällt, trägt die volle Verantwortung für sein Handeln, die volle Verantwortung für die unveränderte Reproduktion dieser verkommenen Welt. Und die härteste Rechenschaft wird nicht vor den lächerlichen Richtertischen der bürgerlichen Heuchelei und „Justiz“ abgelegt, sondern vor der Geschichte der Kämpfe für die Freiheit.
Wir haben nie gelernt, in Begriffen wie „schlechter Zeitpunkt“ oder gar „Kolateralschaden“ zu sprechen. Dies sind Alibis des herrschenden Gesindels um seine tägliche mörderische Praxis zu legitimieren. Mit diesem Ethos, mit dieser Haltung gehen wir seit all diesen Jahren auf die Straße und so werden wir auch weitermachen. Unermüdlich, kollektiv und kämpferisch mit unserem Widerstand, dem Ungehorsam und dem Bruch, der Autonomie, der Ablehnung jeder Herrschaft, der Gleichwertigkeit, der Gemeinschaft, der gegenseitigen Hilfe und der Solidarität als Leitfaden. In den Vierteln, den Arbeits- und Bildungsstätten, den selbstverwalteten Zentren und Squats, den Bewegungen zur Gegeninformation und den gesellschaftlichen Interventionen, den Demonstrationen und den Konfrontationen, auf den Barrikaden des täglichen Lebens und der gesellschaftlichen Rebellion.
Trotz der Krokodilstränen all derjenigen, die die weitreichendste gesellschaftliche Plünderung durch den kapitalistischen Apparat ausarbeiten, die tiefste gesellschaftliche Versklavung durch den staatlichen Zwang und die Polizeibesatzungsarmee, trotz der auf der Bühne eingesetzten Verunglimpfung zur Legitimierung der Aggressivität der Repressionsmechanismen hinter den Kulissen, und bei der gegebenen Präsenz zehntausender Menschen auf den Straßen geht der Kampf gegen die Diktate der Herrschenden, der Kampf für gesellschaftliche und individuelle Befreiung weiter. Wir sehen uns auf der Straße…
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