neue alhambra-zeitung

Die Juli/August-Ausgabe der »Alhambra-Zeitung« ist jetzt online – wie immer als pdf.-Datei (3,5 MB). Ganze 40 Seiten voll mit guten Gründe gegen die Gesamtscheiße.

An dieser Stelle gibt`s jetzt mal das Editorial in voller Länge: »Osteuropa ist nicht gerade ein breit diskutiertes Thema in der bundesdeutschen Linken. Dementsprechend ist bei den Meisten auch nur recht rudimentäres Wissen über die dortige Bewegungslandschaft bekannt. Erklärtes Ziel unserer Beschäftigung mit Osteuropa war über die dortigen Zustände mehr zu erfahren. Ziemlich schnell mussten wir uns allerdings eingestehen, dass es mehr als anmaßend wäre Osteuropa in einer Ausgabe umfassend behandeln zu wollen. Schließlich ist es ebenfalls schwer vorstellbar und erscheint absurd, dass das Thema „Westeuropa“ umfassend auf wenigen Seiten behandelt werden würde. Wir haben also nicht den Anspruch ein überblickhaftes Bild von Osteuropa zu zeichnen. Ein solcher Anspruch wäre nichts als ein Ausdruck des Eurozentrismus, der Europa auf die EU reduziert. Vor dem Hintergrund, dass in der hiesigen Linken kaum ein Blick jenseits der Oder gerichtet wird, fanden wir es dennoch wichtig zumindest ein paar „Schlaglichter aus Osteuropa“ zu bringen.

Dafür haben wir mit einem Genossen aus Russland ein Interview geführt, in dem über die extreme Rechte, antifaschistische Mobilisierung und die postsowjetische, russische Mehrheitsgesellschaft berichtet wird. Als Ergänzung haben wir einen Artikel über die Moskauer GayPride aus der Jungle World geklaut und hier abgedruckt.
Zusätzlich haben wir befreundete Genoss_innen aus Weißrussland per E-Mail interviewt. Sie berichten schlaglichtartig über die Situation in Weißrussland, dortige Nazis und die linksradikale Gegenbewegung.
Mehr als beunruhigend empfinden wir die Tatsache, dass in Ungarn die Faschisten inzwischen mehrheitsfähig geworden sind. Ein Zeichen dafür ist die Existenz der „ungarischen Garde“, einer paramilitärischen, faschistischen Vereinigung. Gleich zwei Artikel beschäftigen sich daher mit der Situation in Ungarn (Seiten 17 und 18).
Antiziganismus ist sicher nicht nur Realität in Osteuropa (vgl. den Artikel „Roma in Rumänien“), antiziganistische Hetze gab es auch in Berlin im Zusammenhang mit der Vertreibung einiger Roma aus dem Görlitzer Park in Kreuzberg (vgl. Kurzmeldung Seite 5). Den medialen Diskurs über die Vertreibung der Roma aus Berlin beschreibt der Artikel „Kokettes Berlin“ (Seite 26). Interessierte an „Osteuropa“ wollen wir auf die „Abolishing the borders from below hinweisen, eine Zeitschrift, die von der osteuropäischen Bewegung mit Inhalt gefüllt wird und in Berlin erscheint (allerdings auf Englisch). Finden könnt Ihr die Zeitung übrigens u.a. im Infoladen roter strumpf. Im Iran gehen derzeit Hunderttausende auf die Straße. Die deutschen Medien verkaufen die Proteste als einen Streit zwischen Anhänger_innen von Mussawi und Ahmadinedschad. Mussawi repräsentiert in diesem Zusammenhang den Reformer, der für eine Öffnung nach Westen, Zivilisation und Moderne steht. Dieses Bild halten wir für mehr als fragwürdig. Die iranische Gesellschaft ist sehr viel komplexer als es uns hier suggeriert wird; und sie ist eine moderne Gesellschaft. Dass sich der „Westen“ und damit die BRD als das moderne, zivilisierte Gegenstück des Iran darstellen will und dabei die eigene Herrschaftsförmigkeit nicht nur verschweigt, sondern legitimieren will, behandelt der Artikel von Wolf Wetzel (Seite 30). Extrem wichtig finden wir in dem Zusammenhang, dass die Reduktion auf einen Machtkampf zwischen Mussawi und Ahmadinedschad nicht viel mit der Realität im Iran zu tun hat. Beides sind Anhänger der repressiven, antiemanzipatorischen islamischen Republik. Gleiches gilt für die beiden anderen Präsidentschaftskandidaten. Immerhin wurden ja nur vom Ayatollah Chamenei handverlesene Kandidaten zugelassen. Mussawi war von Anfang an ein führender Protagonist der islamischen (Konter-)Revolution ab 1979. Von 1981 bis 1988 war er Ministerpräsident und nicht zuletzt verantwortlich für zahlreiche Massaker an Oppositionellen, der so genannten islamischen „Kulturevolution“ und dem Wirken der Terrorherrschaft insgesamt. Bis heute ist er Teil der herrschenden Clique im Iran.
Innerhalb der Protestbewegung gibt es jedoch zahlreiche Strömungen, die mit der Parole „Marg bar diktator“ den Sturz der Herrschaftsclique der islamischen Republik meinen. Nicht zuletzt Studierendenproteste, die sich auch explizit gegen Mussawi wendeten, die massenhaften Streiks von Arbeiter_innen in den letzten Monaten, Aufrufe zum Wahlboykott, selbstorganisierte Frauenorganisationen und ihre Forderungen lassen das hier in der BRD vermittelte Bild brüchig werden. Für uns stellt sich also die Frage danach, welche Räume durch diesen Machtkampf innerhalb der herrschenden Clique für Basisbewegungen und wirkliche Emanzipation entstehen. Wir fühlen uns allerdings nicht in der Lage ein Bild der Protestbewegung zu zeichnen. Auch der Ausgang der Geschehnisse ist für uns nicht absehbar.
Nichtsdestotrotz halten wir Solidarität mit emanzipatorischen Kräften im Iran für notwendig. Aus der exiliranischen Community – auch in Oldenburg – wurden und werden Demos und Kundgebungen organisiert. Die Chancen einer Zusammenarbeit zu ignorieren, wäre ein (typischer) Fehler der linksradikalen Bewegung.
Vergessen wollten wir auch nicht die politischen Gefangenen. Einige sitzen weiterhin seit den Protesten gegen den NATO-Gipfel in Strasbourg im Knast. Aus dem Knast kam mittlerweile ein sehr lesenswertes politisches Statement von einigen Inhaftierten, das wir für Euch abdrucken (Seite 28). Weiterhin wollen wir in diesem Zusammenhang zu politischer und praktischer Solidarität aufrufen!
Ein interessantes Lesevergnügen und einen schönen Sommer wünscht Euch einmal mehr
Eure Alhambra-Redaktion
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